Zum 63. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee
Verfasst von entdinglichung am Januar 27, 2008
Wer von uns darf trösten?
In der Tiefe des Hohlwegs
Zwischen Gestern und Morgen
Steht der Cherub
Mahlt mit seinen Flügeln die Blitze der Trauer
Seine Hände aber halten die Felsen auseinander
Von Gestern und Morgen
Wie die Ränder einer Wunde
Die offenbleiben soll
Die noch nicht heilen darf
Nicht einschlafen lassen die Blitze der Trauer
Das Feld des Vergessens
Wer von uns darf trösten?
Nelly Sachs (1891-1970)
—
Chymisch
Schweigen, wie Gold gekocht, in
verkohlten
Händen.
Große, graue,
wie alles Verlorene nahe
Schwestergestalt:
Alle die Namen, alle die mit-
verbrannten
Namen. Soviel
zu segnende Asche. Soviel
gewonnenes Land
über
den leichten, so leichten
Seelen-
ringen.
Große, Graue. Schlacken-
lose
Du, damals.
Du mit der fahlen,
aufgebissenen Knospe.
du in der Weinflut
(Nicht wahr, auch uns
entließ diese Uhr?
Gut,
gut, wie dein Wort hier vorbeistarb.)
Schweigen, wie Gold gekocht, in
verkohlten, verkohlten
Händen.
Finger, rauchdünn. Wie Kronen, Luftkronen
um–
Große, Graue. Fährte-
lose.
König-
liche.
Paul Celan (1920-1070)