“Nicht wie die Schafe zur Schlachtbank!”
Verfasst von entdinglichung am April 18, 2008
Nachfolgend dokumentiert ein Beitrag von den GenossInnen der RSO zum 65. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto, ansonsten sei noch auf das lesenswerteBuch “Revolte gegen die Vernichtung. Der Aufstand im Warschauer Ghetto” von Reuben Ainsztein verwiesen:

Vor 65 Jahren: Aufstand im Warschauer Ghetto
Der Aufstand des Warschauer Ghettos im Frühjahr 1943 war ein ebenso außergewöhnlicher wie heldenhafter Kampf des Proletariats. Der Widerstand von schlecht bewaffneten Juden und Jüdinnen gegen die bewaffnete Macht der SS widerlegt die Legende, dass sich die jüdischen Massen gegenüber dem Nazi-Terror fügsam verhalten hätten.
Tatsächlich gab es in fast jedem Ghetto im von den Nazis besetzten Osteuropa Widerstandsorganisationen. In vielen Ghettos kam es auch zu Aufständen. Zehntausende Juden und Jüdinnen haben bei den Partisanen gekämpft (siehe dazu das sehr informative - wenn auch bürgerliche - Buch von Arno Lustiger “Zum Kampf auf Leben und Tod, Vom Widerstand der Juden 1933-1945″, Köln 1994).
In diesem breiten Widerstand war der Aufstand im Warschauer Ghetto wegen seines Ausmaßes, seiner Hartnäckigkeit und seines Heroismus hervorstechend. Am 18. April sind 65 Jahre seit dem Beginn des Aufstandes vergangen sein. Angesichts des erneuten Anstiegs des Antisemitismus in Europa und des Vormarsches rechtsextremer Parteien soll hier nicht nur an die Schrecken des Faschismus erinnert werden, sondern auch an den militanten Widerstand der jüdischen Arbeiter/innen/klasse.
Der vorliegende Beitrag stützt sich in wesentlichen Teilen auf das 1945 von Marek Edelman in Warschau verfasste, ebenso erschütternde wie packende Buch “Das Ghetto kämpft”, das seit 1993 auch auf Deutsch erhältlich ist. Edelman war als Mitgliedes des Bundes (einer jüdischen sozialistischen Organisation) einer der Führer des Aufstandes, als einer der wenigen Überlebenden danach im polnischen Widerstand tätig und am Warschauer Aufstand vom Herbst 1944 beteiligt. Nach dem Krieg wurde er Arzt in Lodz und bewahrte sich - auch wenn er nach Jahrzehnten stalinistischer Diskreditierung des Sozialismus insgesamt mittlerweile bürgerliche Positionen angenommen hat - eine kritische Distanz zum Zionismus. In einem Interview in den 70er Jahren brachte Edelman die Situation der Aufständischen so auf den Punkt: “Es ging darum, sich nicht abschlachten zu lassen, wenn sie kamen, uns zu holen. Es ging nur um die Art zu sterben.”
Zu Beginn des Jahres 1941 lebten in Warschau über 300.000 Juden, das damit nach New York die zweitgrößte jüdische Gemeinde der Welt war. Bis Ende September 1943 war sie vernichtet. Die große Mehrheit wurde von den Nazi-Schlächtern als Teil von Hitlers “Endlösung der Judenfrage” umgebracht. Es war das Ende einer Gemeinschaft, die in Polen Jahrhunderte lang existiert hatte. Um 1914 machte sie 38 Prozent der Warschauer Bevölkerung aus. Mit der Wirtschaftkrise der 1930er Jahre wurde aber der ökonomische und politische Status der Juden immer tiefer gedrückt. Der Antisemitismus wurde in Teilen der polnischen Bevölkerung - so wie in ganz Europa - immer stärker.
Das führte zu einer rapiden politischen Polarisierung in der jüdischen Gemeinschaft: Poale Zion, der linke Zionismus und Vorläufer des moderneren Labour-Zionismus, wuchs auf Kosten des rechten. Außerdem gab es den Bund, eine nicht-religiöse Organisation jüdischer Sozialist/inn/en, die aus der Tradition der russischen Sozialdemokratie kam. Die Popularität des Bundes wuchs in einem solchen Ausmaß, dass seine Vertreter in die “Kehilla”, die Führung der jüdischen Gemeinde, gewählt wurden. Aus diesen zwei Strömungen - dem Linkszionismus und dem Bund - entstanden die Jugendbewegungen, die die Mehrheit des Widerstandes gegen die Nazis bilden sollten.
Als der deutsche Imperialismus am 1. September 1939 den Überfall auf Polen begann, konnten diese Organisationen freilich nur hilflos zusehen. Innerhalbweniger Tage marschierte die siegreiche Wehrmacht durch die Straßen von Warschau. “Nach der Eroberung Warschaus im Jahre 1939 finden die deutschen Besatzer die jüdische Gemeinschaft in einem Zustand des absoluten Chaos und der Auflösung vor. Fast die gesamte führende Schicht der Gesellschaft hatte Warschau schon am 7. September verlassen. Politische Führer, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Intelligenzija überließen die Hauptstadt ihrem eigenen Schicksal.” (Marek Edelman, “Das Ghetto kämpft”, Berlin 1993, S. 27)
Zurück blieben ein kleiner Teil der Oberschicht, Teile des Kleinbürgertums und die Arbeiter/innen/klasse. Allein diese Entwicklung bestimmte den späteren Aufstand als einen des Proletariats und seiner Organisationen, wobei aus der Führung des Bundes einzig Abrasza Blum freiwillig in Warschau blieb.
Im November 1939 wurden bereits die ersten Dekrete erlassen, um Hitlers Ankündigung vom Januar 1939 einzuleiten: “Ich möchte noch einmal eine Prophezeiung abgeben: Wenn das internationale Geldjudentum innerhalb und außerhalb Europas wieder erfolgreich die Menschen in einen Weltkrieg treibt, dann wird das Resultat nicht die Bolschewisierung der Welt und ein Sieg für das Judentum sein, sondern die restlose Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.”
Auch vor der Abriegelung des Ghettos im November 1940 wurden unzählige repressive Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung durchgeführt. Jüdische Vermögenswerte über 2.000 Zloty wurden beschlagnahmt, keinem Juden und keiner Jüdin wurde erlaubt, mehr als 500 Zloty pro Monat zu verdienen, und keinem Juden / keiner Jüdin war das Backen von Brot gestattet. Das Ziel war, den Willen der jüdischen Bevölkerung zu brechen. Oft wurden kollektive Strafen für die Nichtbefolgung der Terror-Gesetze verhängt. In den ersten Tagen des November1939 wurden z.B. 53 Männer aus einem Wohnblock erschossen, weil ein Mieter des Hauses einen polnischen Polizisten verprügelt hatte.
Um diese Maßnahmen zu unterstützen, ordneten die Nazis zynisch die Etablierung eines jüdischen Altenrates (bekannt als “Judenrat”) und einerjüdischen Polizei an, damit ihre Anordnungen und Wünsche ausgeführt würden. Die Ablehnung gegen den Judenrat und andere Handlanger der Nazis stieg ständig.
Im März 1940 fanden brutale antisemitische Pogrome statt, die von etwa tausend polnischen Jugendlichen verübt wurden, die vom deutschen Luftwaffenkorps vier Zloty pro Tag für die Verprügelung von Juden bezahlt bekamen. Drei Tage lang wüteten sie ungehindert, aber am vierten Tag führte die Miliz des Bundes Gegenaktionen durch, die in vier offenen Straßenschlachten mündeten. Diese Aktionen waren gut organisiert. Aber die anderen größeren jüdischen Gruppen beteiligten sich nicht - mit dem Argument, das würde nur einen Gegenschlag seitens der Besatzungstruppen provozieren. Das spiegelte die Ablehnung eines Kampfes seitens vieler bürgerlicher und kleinbürgerlicher Gruppen wider.
Im November 1940 hatten die Nazis das Ghetto mit Mauern und Stacheldraht abgeriegelt. Die Bedingungen verschlechterten sich schnell. Die Anzahl der Leute, die pro Raum konzentriert war, erreichte einen Durchschnitt von 9,2. Der Hunger forderte einen schrecklichen Tribut. Typhus und Gelbfieberverbreiteten sich in der unterernährten Bevölkerung. Die monatliche Sterberate erreichte 6.000. Die Spitäler waren überfordert - die Nazis hielten Lebensmittelversorgung und Medikamente zurück. Bald waren die Straßen von Leichen übersät.
Trotz dieser miserablen Bedingungen bewies die Gemeinde ihre Geschicklichkeit und ihren Willen zum Überleben. Eine Armee von Schmugglern riskierte jede Nacht ihr Leben, indem sie die Einzäunung überquerte, um Nahrungsmittel hineinzuschaffen. Frauen spielten dabei, da sie im Gegensatz zu den meist beschnittenen Männern nicht so leicht als Jüdinnen zu erkennen waren, eine besonders wichtige Rolle. Schulen wurden gegründet, Theatergruppen aufgebaut, Mieterräte reparierten und erhielten Gebäude. Um Hungernde zu ernähren, wurden Suppenküchen eingerichtet. An Widerstand dachte aber weiter nur eine Minderheit. Die Mehrheit konzentrierte sich - auch unter immer katastrophaleren Bedingungen - auf das eigene Überleben.
“Dieses ‘Leben’ wird von jedem auf seine Art, je nach seinen Umständen und seinen Möglichkeiten aufgefasst. Es bedeutet Wohlstand für diejenigen, die schon vor dem Krieg reich waren, Ausschweifung und Überfluss für verschiedene degenerierte Gestapo-Agenten und demoralisierte Schmuggler; für die große Masse der Arbeiter und Arbeitslosen ist es hungerndes Dahinvegetieren mit der Suppe aus der Volksküche und dem rationierten Brot.”(Edelman, ebd., S.31)
Im Jahre 1941 kam die Neuigkeit, dass 40.000 Juden aus Lodz (dem damaligen Litzmannstadt), 40.000 aus Pommern und mehrere hundert “Zigeuner” aus Bessarabien vergast worden seien. Im folgenden Jahr ging das Gerücht um, das ganze jüdische Ghetto in Lublin sei liquidiert worden. Gerade als diese Nachrichten ankamen, begingen die Nazis im April 1942 ein Massaker an polnischen Aktivistinnen und Aktivisten. Die Aufrufe des Bundes und anderer linken Gruppen zum Widerstand blieben unter der Masse aber weiter ungehört.
Im Juli 1942 wurde dem Judenrat mitgeteilt, dass alle “unproduktiven” Juden, also all jene, die nicht fähig waren, extrem langes und schweres Arbeiten durchzustehen, anzuweisen seien, sich auf den Umschlagplatz zu begeben - zu der Zugstation, die das Tor zum Vernichtungslager Treblinka war. Wir können nur eine dunkle Ahnung vom Horror der Ereignisse der nächsten zwei Tage haben. Marek Edelman beschreibt, wie ukrainische Hilfstruppen der SS mit ihren Gewehrkolben die Menschen in Eisenbahnwaggons prügelten und ungezielt in die Menge schossen, um sie dazu zu bringen, sich in die Wagen zu begeben.
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