Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Autonome 1. Mai-Demo 2012 in Oldenburg

Geschrieben von entdinglichung - 24. April 2012

nachfolgend dokumentierter Aufruf stammt von Regentied:

»Au­to­no­me 1. Mai-De­mo: „so­li­da­ri­sie­ren, or­ga­ni­sie­ren, an­eig­nen – welt­weit! So ra­di­kal wie die Wirk­lich­keit!“

so­li­da­ri­sie­ren…

Seit 2008 be­fin­det sich der Ka­pi­ta­lis­mus in einer Krise – sie ist nicht die Erste und wird auch nicht die Letz­te blei­ben. Die Krise bringt mit äu­ßers­ter Bru­ta­li­tät zu Tage, was schon immer Be­stand­teil des Sys­tems Ka­pi­ta­lis­mus war: mas­si­ve Pri­va­ti­sie­rungs- und Spar­maß­nah­men ver­ur­sa­chen vor allem in Süd­eu­ro­pa die Ver­ar­mung brei­ter Be­völ­ke­rungs­tei­le. Ren­ten- und Lohn­kür­zun­gen, Ob­dach­lo­sig­keit, die Aus­wei­tung des Zeit­ar­beits­sek­tors und die damit ein­her­ge­hen­de Um­ver­tei­lung von unten nach oben sind nur ei­ni­ge der Fol­gen.
An­statt sich in ras­sis­ti­scher Ma­nier über die „Plei­te-Grie­chen“ auf­zu­re­gen, müs­sen wir uns be­wusst wer­den, dass der Wohl­stand der Bun­des­re­pu­blik auch auf der Ver­schul­dung Grie­chen­lands fußt.
Es ist die­sel­be ka­pi­ta­lis­ti­sche Elite, die in Grie­chen­land Spar­pro­gram­me durch­drückt, Pro­tes­te nie­der­knüp­peln lässt und hier in der BRD Hartz IV-Ge­set­ze ver­schärft. Wie sol­len wir die­ses Sys­tem je­mals ab­schaf­fen kön­nen, wenn wir nicht auf­hö­ren, uns ge­gen­sei­tig zu be­kämp­fen?

Diese Un­zu­mut­bar­kei­ten ken­nen wir je­doch nicht erst seit der ak­tu­el­len Krise, sie durch­zie­hen schon lange den All­tag Vie­ler. Sei es ein Wirt­schafts­sys­tem, das nicht das All­ge­mein­wohl, son­dern die Be­rei­che­rung ei­ni­ger We­ni­ger zum Ziel hat. Ein­schnit­te im Ar­beits­all­tag, Lohn­dum­ping, und die Un­si­cher­heit, ob mor­gen der ei­ge­ne Ar­beits­platz noch si­cher ist, sind für viele trau­ri­ge Rea­li­tät. Sei es die Spal­tung der Ge­sell­schaft in bes­se­re und schlech­te­re Men­schen, die zu Hause ge­nau­so zu spü­ren ist wie auf der Stra­ße oder am Ar­beits­platz. Wenn hier nicht-wei­ße Men­schen ras­sis­ti­schen An­fein­dun­gen aus­ge­setzt sind oder Flücht­lin­ge in Sam­mel­un­ter­künf­ten auf dem ehe­ma­li­gen Flie­ger­horst leben und an­stel­le von aus­rei­chend Bar­geld zur Si­che­rung ihres Le­bens­un­ter­hal­tes le­dig­lich Wert­mar­ken be­kom­men.
Wenn Nazis mor­dend umher zie­hen und Ver­fas­sungs­schutz, Po­li­zei, Me­di­en und Po­li­tik so tun, als gäbe es kei­nen ras­sis­ti­schen Hin­ter­grund.

Wenn die NPD genug Stim­men be­kommt, um in den Stadt­rat ein­zu­zie­hen.
Wenn Frau­en we­ni­ger Geld für die glei­che Ar­beit er­hal­ten, in der Disco an­ge­glotzt und an­ge­grapscht oder im trau­ten Heim vom Ehe­mann ver­prü­gelt wer­den.
Wenn Frau­en­Les­benIn­ter­Trans*-De­mos an­ge­grif­fen und Men­schen dabei ver­letzt wer­den.
Wenn Men­schen kei­nen Bock haben, sich als Lohns­kla­ven zu ver­din­gen und sich dann an­hö­ren müs­sen, dass sie So­zi­al­schma­rot­zer sind und von der ARGE drang­sa­liert wer­den.
Wenn ein Farb­an­schlag auf den jü­di­schen Fried­hof immer noch bit­te­re Rea­li­tät ist.
Wenn Ho­mo­se­xua­li­tät als ab­ar­tig oder krank­haft be­zeich­net wird.
Diese Auf­zäh­lung ließe sich lei­der noch um ein Viel­fa­ches er­wei­tern. Wenn die­sen Un­ge­rech­tig­kei­ten auch un­ter­schied­li­che Herr­schafts­ver­hält­nis­se zu Grun­de lie­gen, so gehen Ras­sis­mus, Ka­pi­ta­lis­mus und Pa­tri­ar­chat doch Hand in Hand und haben die Ab­si­che­rung der Herr­schaft einer wei­ßen, männ­li­chen Klas­se, die zudem noch über den Groß­teil der fi­nan­zi­el­len Mit­tel ver­fügt, zum Ziel. Alle, die nicht die­ser herr­schen­den Klas­se an­ge­hö­ren, sind auf un­ter­schied­lichs­te Art von die­sen Herr­schafts­ver­hält­nis­sen be­trof­fen. Es liegt an uns allen, jedes die­ser Pro­ble­me zu er­ken­nen und uns, auch wenn es auf den ers­ten Blick nichts mit uns zu tun hat, mit den An­de­ren zu so­li­da­ri­sie­ren und die ein­zel­nen Kämp­fe zu­sam­men­zu­füh­ren. Das muss auch hei­ßen, die ei­ge­ne Stel­lung im Sys­tem zu hin­ter­fra­gen, ei­ge­ne Pri­vi­le­gi­en zu er­ken­nen und be­reit zu sein, sie ab­zu­ge­ben – zu Guns­ten einer Ge­sell­schaft, in der Men­schen nicht mehr un­ter­schied­lich viel „wert“ sein wer­den. Wir wer­den diese Miss­stän­de nur be­sei­ti­gen kön­nen, wenn wir ge­mein­sam gegen sie vor­ge­hen und zei­gen, dass wir uns nicht spal­ten las­sen oder auch nur einen die­ser Un­ter­drü­ckungs­me­cha­nis­men je­mals hin­neh­men wer­den.


or­ga­ni­sie­ren…

Der All­tag ist für die meis­ten Men­schen alles an­de­re als ein­fach. Um mit den Pro­ble­men nicht al­lein zu blei­ben und um die­sen Miss­stän­den laut­stark und ent­schlos­sen etwas ent­ge­gen­set­zen zu kön­nen, müs­sen wir uns zu­sam­men­schlie­ßen. Dies ist oft gar nicht so ein­fach. Die Meis­ten sind in der Lohnar­beit ver­strickt, die zu viel Zeit und En­er­gie klaut. Viele haben Kin­der und ver­su­chen, sich so gut sie kön­nen um sie zu küm­mern. Schu­le, Stu­di­um oder Aus­bil­dung fres­sen eben­so einen Groß­teil der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zeit. Und wenn wir schon etwas Zeit er­üb­ri­gen kön­nen, wol­len wir es uns ja nun auch gerne ein wenig gut gehen las­sen. Manch­mal fällt es schwer, auf­zu­ste­hen, die ei­ge­ne Stim­me zu er­he­ben, Ak­tio­nen zu or­ga­ni­sie­ren, und den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen ins Ge­sicht zu spu­cken. So will also auch der Wi­der­stand gut ver­netzt und or­ga­ni­siert sein. Schü­ler_in­nen­ver­tre­tung, ge­mein­sa­me Kin­der­be­treu­ung, Voküs, Ar­beits­lo­sen­selbst­hil­fe und an­de­re For­men der ge­gen­sei­ti­gen Un­ter­stüt­zung und Bün­de­lung der ei­ge­nen Kräf­te sind hier ein ers­ter An­satz.

an­eig­nen…

Die Ent­wick­lung die­ser Ge­sell­schaft, die­ser Welt, zu einer, in der alle so­li­da­risch zu­sam­men­le­ben kön­nen, wird nicht rei­bungs­los pas­sie­ren. Haben doch na­he­zu alle Men­schen Pri­vi­le­gi­en, die sie ver­tei­di­gen wer­den. Ge­schenkt wird uns in die­sem Kampf nix. Des­halb müs­sen wir den Mut haben, uns zu neh­men, was uns so­wie­so ge­hört, um die Ver­tei­lung von Reich­tum ein Stück weit ge­rech­ter zu ma­chen. Wenn sich die Er­werbs­lo­se das viel zu teure Bio­b­rot nimmt, ohne es zu be­zah­len, dann nen­nen sie das Dieb­stahl. Wenn Frau­en­Les­benIn­ter­Trans* in Ol­den­burg nachts in der In­nen­stadt de­mons­trie­ren, um sich zu­min­dest kurz­fris­tig einen klei­nen Frei­raum von dum­men An­ma­chen und Pa­tri­ar­chat an­zu­eig­nen, dann nen­nen sie das Nö­ti­gung. Wenn Ju­gend­li­che, die wegen „Auf­wer­tung der Im­mo­bi­lie“ aus ihrer Woh­nung ge­flo­gen sind, sich Wohn­raum an­eig­nen, indem sie ein Haus be­set­zen, dann nen­nen sie das Haus­frie­dens­bruch. Wir nen­nen es An­eig­nung – und sehen darin einen klei­nen Schritt in Rich­tung gutes Leben für alle! Wir er­kämp­fen uns die­ses Leben, ob wir nun die öf­fent­li­chen Plät­ze in un­se­rer Stadt be­set­zen oder die Gren­zen um Eu­ro­pa nie­der­rei­ßen, um uns frei be­we­gen zu kön­nen. Zu klein soll­ten wir da nicht den­ken, denn am Ende soll ja schließ­lich nichts we­ni­ger, als eine be­frei­te Ge­sell­schaft für alle ste­hen, und zwar…

…welt­weit!

Auch wenn die Ge­ge­ben­hei­ten hier alles an­de­re als rosig sind, müs­sen wir uns vor Augen hal­ten, dass wir das Glück haben, in dem Teil der Welt zu leben, der einen ver­hält­nis­mä­ßig gro­ßes Maß an Wohl­stand und Si­cher­heit bie­tet. Und das nur, weil der glo­ba­le Nor­den, ins­be­son­de­re die gro­ßen In­dus­tri­e­na­tio­nen, seit Jahr­hun­der­ten ihren Reich­tum auf­recht­er­hal­ten kön­nen, indem sie den Süden aus­beu­ten. Erst funk­tio­nier­te dies durch ri­go­ro­se Ko­lo­nia­li­sie­rung und damit ein­her­ge­hen­der Un­ter­drü­ckung und Ver­kla­vung. Heute durch die wei­ter be­ste­hen­de wirt­schaft­li­che Aus­beu­tung und Un­ter­stüt­zung von re­pres­si­ven Dik­ta­tu­ren und Olig­ar­chi­en. Diese sind Hand­lan­ger von Kon­zer­nen und Staa­ten des glo­ba­len Nor­dens, die die Be­völ­ke­run­gen aus­pres­sen, sich selbst be­rei­chern, das Land rau­ben und ohne Skru­pel die Natur zer­stö­ren las­sen. Des­halb gilt es auch und ge­ra­de hier den Mund auf­zu­ma­chen, um sich mit den Kämp­fen vor Ort zu so­li­da­ri­sie­ren! Wir haben kei­nen Bock, dass für den Kaf­fee den wir hier trin­ken, Men­schen auf den Plan­ta­gen ver­re­cken.

Alle, die wie wir für ein gutes Leben für alle kämp­fen wol­len, die kei­nen Bock mehr haben, wür­de­los am Exis­tenz­mi­ni­mum rum­zu­kreb­sen, die kei­nen Bock haben ih­re­m_r Ver­mie­ter_in jeden Monat die so­wie­so knap­pe Kohle in den Ra­chen zu wer­fen; alle, die genug davon haben, täg­lich auf dem A-Amt oder der Aus­län­der­be­hör­de schi­ka­niert zu wer­den, die kei­nen Bock mehr dar­auf haben immer nach der Laune ih­res­_r Vor­ge­setz­ten zu sprin­gen, die kei­nen Bock mehr haben, jeden Tag wahn­sin­ni­gem Leis­tungs­druck in Schu­le oder Uni aus­ge­setzt zu sein, rufen wir auf, mit uns am 1. Mai auf die Stra­ße zu gehen! Wir wol­len den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen etwas ent­ge­gen­set­zen und uns aktiv in die Pro­zes­se in Ol­den­burg ein­mi­schen. Und zwar so ra­di­kal, wie es die Wirk­lich­keit ver­langt!

Wann & Wo? 01. Mai | 13 Uhr | Kai­ser­str./Hbf Ol­den­burg, im An­schluss gibt es ein Stra­ßen­fest beim Al­ham­bra geben.«

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