Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

K. David Harrison: When Languages Die

Posted by entdinglichung - 24. September 2007

K. David Harrison hat mit When Languages Die. The Extinction of the World’s Languages and the Erosion of Human Knowledge eine interessante Studie zum Thema „Sprachtod“ vorgelegt, welche, fokussiert v.a. auf einige Sprachen und Communities im Osten der Russländischen Föderation ein faszinierendes aber auch bedrückendes Bild zeichnet: Die Mehrzahl der derzeit gesprochenen ca. 6.000 Sprachen werden noch zu unseren Lebzeiten zu „toten Sprachen“ werden.

Harrison zeigt hierbei – jenseits von „völkernder Romantik“ – eindrucksvoll auf, dass der Verlust einer Sprache nicht nur bedeutet, dass eine Sprache weniger auf der Welt gesprochen wird, sondern dass bisherige Bezugssysteme von Communities und ein konkreten Lebenssituationen angepasstes Vokabular (von durch Staat und Mehrheitsgesellschaft beförderten und zuweilen repressiv beschleunigten) Assimilationsprozessen zum Opfer fallen. Weiterhin weist der Autor auf den problematischen Sachverhalt hin, dass das Verschwinden einer Sprache vom Verschwinden oft reichhaltigem Alltagswissens beispielsweise bezüglich lokaler geographischer Kenntnisse führt, was bei den Tofa in Sibirien zur Folge hat, dass diejenigen, welche die russische Sprache als Kommunikationsmedium angenommen haben, im wahren Sinne des Wortes Schwierigkeiten haben, „sich in der Gegend zurechtzufinden“, da sie das in der tofalarischen Sprache vorhandene geographische Wissen zur Orinetierung in der Taiga nicht mehr „abrufen“ können und die russische Sprache nicht über Orte bezeichnende Toponyme verfügt. Vergleichbare Entwicklungen sind bspw. auch durch den Verlust von der Umwelt angepassten Kalendersystemen, Zahlensystemen oder taxonomischen Systemen bezüglich der Tier- und Pflanzenwelt zu verzeichnen, wobei im letzteren Fall auch ein weniger nachhaltiges Verhältnis zur Natur sprachlich-ideologisch durch die Annahme einer neuen Sprache vorgeprägt werden kann. Schliesslich legen zahlreichen die von Harrison aufgeführten Beispiele eindrucksvoll dar, dass die Sprachen und Bezugssysteme beispielsweise sibirischer RentiernomadInnen nicht einfacher sondern in aller Regel sehr viel komplexer als diejenigen der angeblich „hochentwickelten“ kapitalistischen Welt sind

Es ist zu wünschen, dass Harrisons Studie einen weiten LeserInnenkreis (möglicherweise auch durch Übersetzungen in andere Sprachen) finden wird und als Ansporn zur Erhaltung der Sprachenvielfalt beziehungsweise zumindest zur Bewahrung des – in diesen bedrohten Sprachen vorhandenen – reichhaltigen Kulturgutes kommt (wobei der Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb im Zeitalter des Neoliberalismus für derartige Aufgaben, soweit deren Resultate nicht folkloristisch verwertbar einem Publikum verkauft werden können, ohne Druck kaum Mittel bereit stellen wird).

K. David Harrison: When Languages Die. The Extinction of the World’s Languages and the Erosion of Human Knowledge. New York/London 2007, Oxford University Press. ISBN 0-19-518192-1

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