Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Archive for 27. Mai 2008

Über „Bestien“, „Familiendramen“ und die bürgerliche Gesellschaft

Posted by entdinglichung - 27. Mai 2008

Und wieder ein Text von den GenossInnen der Revolutionär Sozialistischen Organisation (RSO), dieses mal zu der Kette von Familienskandalen in Österreich und der Verdrängung der gesellschaftlichen (patriarchalen!) Ursachen in der Diskussion zu diesen, ansonsten hier der Hinweis auf einen weiteren Text der RSO zur aktuellen politischen Lage in Österreich; weiterhin sei hier noch auf die Ausführungen von Thomas Glavinic zum Thema verwiesen:

Priklopil, Josef F. und der „Axtmörder“

Über „Bestien“, „Familiendramen“ und die bürgerliche Gesellschaft

Der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil entführte die 10-jährige Natascha Kampusch und hielt sie acht Jahre in einem Keller gefangen. Der Unternehmer Josef F. sperrte seine Tochter Elisabeth und mit ihr gezeugte Kinder 24 Jahre lang in ein Verlies. Der PR-Berater Reinhard S. erschlägt seine ganze Familie, um ihr „die Schande“ seines finanziellen Scheiterns „zu ersparen“. Die bürgerlichen Medien haben ihre Topthemen gefunden und können wochenlang über die Psyche des jeweiligen „Monsters“ erschaudern und sich an den Leiden der Opfer aufgeilen.

Wir wollen uns hier nicht mit den Details der einzelnen Fälle beschäftigen, die medial ohnehin endlos ausgewälzt werden. Wir wollen uns stattdessen damit auseinandersetzen, was Priklopil, Josef F. und der „Axtmörder“ mit einer Gesellschaft zu tun haben, in der die Mehrheit der ermordeten Frauen durch ihre (Ex-) Partner ums Leben kommen.

Der Kapitalismus ist nicht einfach „die Wirtschaft“, „die Konzerne“, „der Markt“ oder „die KapitalistInnen“, sondern jenes Gesellschaftssystem, in dem wir alle leben. Daraus folgt logischerweise auch, dass gesellschaftliche Ereignisse auf der Grundlage der Funktionsmechanismen eben dieses gesellschaftlichen Zusammenhangs erklärt werden müssen, Wir wollen uns deshalb die Aufgabe stellen, die sozialen Grundlagen zu beleuchten, welche ein Verbrechen wie jenes von Amstetten erst möglich machen.

Frauenunterdrückung und Kapitalismus

Auffallend ist, dass sexualisierte Gewalt an Kindern (zumeist als „Kindesmissbrauch“ bezeichnet, als ob man/frau Kinder auch richtig „gebrauchen“ könnte) sowie Vergewaltigungen fast ausschließlich von Männern begangen werden. Warum ist das so? Das ist nicht in einer „gewalttätigen Natur des Mannes“ begründet, wie biologistische Ansätze, wonach es eben fixe psychische Unterschiede zwischen Mann und Frau gäbe, behaupten. Die Antwort auf diese Frage liegt in der Struktur ungleicher Geschlechterverhältnisse in der kapitalistischen Klassengesellschaft.

Natürlich sind Frauenunterdrückung und Sexismus nicht erst im Kapitalismus entstanden, sondern sind von der herrschenden Klasse vielmehr erfolgreich ins kapitalistische System integriert worden. Rein theoretisch könnte das kapitalistische System auch ohne die Existenz dieser spezifischen Unterdrückungsmechanismen auskommen. Das Funktionieren der ökonomischen Ausbeutung basiert auf der Existenz von Klassen, welche die Gesellschaft in BesitzerInnen (von Produktionsmitteln) und Besitzlose (die ArbeiterInnen, die nichts besitzen außer ihre Arbeitskraft und daher gezwungen sind, diese Arbeitskraft zu verkaufen). Damit schaffen die Klassenverhältnisse die Voraussetzung für die Möglichkeit der Ausbeutung der Mehrarbeit der ArbeiterInnen durch die KapitalistInnen. Welches Geschlecht das ausgebeutete Subjekt hat, ist dem/der Kapitalisten/in abstrakt gesehen egal. Er/sie kann zwar den Faktor Geschlecht, genauso wie andere Faktoren dazu verwenden, mehr Mehrwert aus der Arbeitskraft zu pressen, am zentralen Ausbeutungsverhältnis Arbeit-Kapital ändert das aber nichts.

Im real existierenden Kapitalismus, so wie er sich historisch entwickelt hat, sind Frauenunterdrückung und Sexismus jedoch sehr wohl zu einem seiner fest integrierten Bestandteile geworden. Das liegt daran, dass der Kapitalismus nie nur ein ökonomisches Ausbeutungssystem ist, sondern immer auch eine politische Herrschaftsstruktur. Die soziale Unterdrückung, etwa nach Geschlecht und Nation, stellt für die herrschende Klasse ein zentrales Instrument dar, um die ArbeiterInnenklasse zu spalten. Nur mittels dieser (rassistischen, sexistischen…) Spaltungspolitik kann sie die Gefahr einer geeinten ArbeiterInnenklasse, die sich ihrer eigenen Stärke bewusst wird, bannen. Einen politik- und ideologiefreien Kapitalismus wird es daher real nie geben können.

Durch unterschiedliche Sozialisation und Erziehung von Mädchen und Buben in der bürgerlichen Gesellschaft wird diese spezielle Struktur des real existierenden Kapitalismus immer wieder aufs Neue reproduziert. Buben wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt, sie lernen sich zu extrovertierten, dominant aufzutreten etc., während von Mädchen oft genau das Umgekehrte verlangt wird. Wenn etwa Buben raufen, wird das positiv bemerkt, da diese eben „so wild“ wären, wenn Mädchen das gleiche tun, wird das als „zickenhaft“ abgewertet. Die Opferrolle wird Mädchen von Geburt auf anerzogen. Das ist auch ein Grund dafür, warum weibliche Opfer (sexualisierter) Gewalt dies nicht selten als Schande empfinden oder sogar die Schuld bei sich selbst suchen und nicht beim männlichen Gewalttäter.

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Utah Phillips (1935-2008)

Posted by entdinglichung - 27. Mai 2008

Am 23. Mai starb, kurz nach seinem 73. Geburtstag der Wobbly-Barde, Geschichtenerzähler und Aktivist Utah Phillips. Er wird fehlen.

* Nachruf auf der Seite der IWW
* Nachruf von David Rovics
* Nachruf im San Francisco Chronicle


Utah Phillips: There is Power In The Union


Utah Phillips/Ani DiFranco: Bridges


Utah Phillips: Daddy What’s A Train?


Utah Phillips: Hallelujah I’m a Bum/So Long Its Been Good to Know Ya

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Neues aus den Archiven der radikalen Linken – eine Auswahl

Posted by entdinglichung - 27. Mai 2008

Hans Litten Archiv e.V.:

* Tina Modotti: 17 Texte von Tina Modotti aus ihrer Arbeit für die Internationale Rote Hilfe (mopr) (1931-1933)

Marxists Internet Archive (MIA):

* Karl Liebknecht: Imperialismus (1912)
* Karl Liebknecht: Aufruf der Sozialdemokratie des Wahlkreises Potsdam-Spandau-Osthavelland Karl Liebknecht zu wählen (1912)
* Grace Lee Boggs: China: Colossus of the East (1914)
* Raya Dunayewskaya: Luxemburg’s Theory of Accumulation. How it Differed with Marx and Lenin (1947)
* David Rjazanov: The Posthumous Writings of Marx and Engels (1924)
* David Rjazanov: The New Translation of Marx (1929)
* J.T. Murphy: Letter of Resignation from the CPGB (1932)

Association pour la sauvegarde de la mémoire de la section française de la IVe internationale (ASMSFQI):

* La lutte ouvrière, 12. September 1936
* La vérité, 15. März 1939
* L’Internationale, März 1965
* La vérité des travailleurs, Juli 1960
* Bulletin intérieur du secrétariat international de la IVe internationale, August 1953
* Cahier de la taupe, Oktober 1976

La Bataille Socialiste:

* Maximilien Rubel: Formation et développement du capital en URSS (1957)
* Maximilien Rubel: Chroniques de la 1° Internationale (1964)
* Groupe de liaison pour l’action des travailleurs (GLAT): Le Luxemburgisme, fausse solution d’un faux problème 1975

Collectif Smolny:

* Gauche Communiste de France: Tract pour l’unification des luttes ( mines ) (1946 oder 1948)
* BILAN: La Campagne pour Thaelmann (1934)
* BILAN: La Russie soviétique dans le concert des brigands impérialistes (1934)

Centro de Documentación de los Movimientos Armados (CeDeMA):

* Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN): Carlos Fonseca: Entrevista con la comisión especial de la Asamblea Legislativa de Costa Rica (1970)
* Comandos Armados de Liberación (CAL): CAL: „Nuestro combate es anónimo y armado“ (1972)

Europe Solidaire Sans Frontières (ESSF):

* Petr Uhl: 1968 : un entretien sur le Printemps tchécoslovaque (1998)
* Masis Kürkçügil: 1968 en Turquie : du radicalisme républicain au socialisme (1998)
* Ernest Mandel: Leçons de Mai 68 (1968)
* Alan Wald: L’année 1968 vue des États-Unis (1998)
* Oskar Negt: 1968 : la démocratie des conseils à nouveau à l’ordre du jour (1969)
* Antonio Moscato: Italie 1968 : mouvements des étudiants et automne chaud (1998)
* Wilfried Dubois: Allemagne 1968 : à l’heure du SDS(1998)
* Rudi Dutschke: 1968 : Mouvement antiautoritaire et luttes du Tiers-Monde (1968)
* Radoslav Pavlovic: Belgrade 1968-1998 : de la révolution au nationalisme (1998)

Marxismo Libertario:

* Pablo Slavin: La noción de democracia en Rosa Luxemburgo (2007)

Socialist Blog News:

Karl Marx: Address of the International Working Men’s Association to Abraham Lincoln, President of the United States of America (1865)

Shiraz Socialist:

* Ralph Miliband: Postscript to Parliamentary Socialism (1972)

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