Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Berufsverbot für kritischen Mitarbeiter

Posted by entdinglichung - 4. Juni 2008

Nachfolgend dokumentiert eine Erklärung des Teams der freien Museumspädagog/innen an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme:

KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Berufsverbot für kritischen Mitarbeiter

Solidaritätserklärung des Teams der freien Museumspädagog/innen an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Seit Oktober 1981 besuchten über 1 Millionen Menschen das Gelände und die Ausstellungen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Die weitaus meisten von ihnen waren und sind Schulklassen, die von gut ausgebildeten und engagiert tätigen Menschen pädagogisch betreut werden. Mit den 1995 und zuletzt 2005 neu eingerichteten Ausstellungen zur Geschichte des KZ Neuengamme und seiner Nachgeschichte und nicht zuletzt aufgrund der erfolgreichen pädagogischen Arbeit stieg die Zahl der Besucher/innengruppen kontinuierlich an.

Den Erfordernissen einer pädagogischen Betreuung insbesondere der Schulklassen wird seit nun schon über zehn Jahren ein Team von Museumspädagog/innen gerecht, die in freier Mitarbeit historische Hintergründe, die Geschichte des Ortes und der Häftlinge vermitteln. Das Team der Freien in Neuengamme setzt sich dabei aus unterschiedlichen Menschen zusammen, wodurch eine abwechslungsreiche, spannende und intensive politische Bildungsarbeit ermöglicht wird, die zur Entwicklung demokratischer Werte wie Respekt, Autonomie und Solidarität beiträgt und damit die Freiheit des Denkens, der Meinung und der Rede stützt.

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat sich nun dafür entschieden, auch einen Berufssoldaten der Bundeswehr als freien Museumspädagogen zu beschäftigen. Das Team der freien Museumspädagog/innen hält dies für bedenklich und äußerte daher mehrfach den Wunsch, diese Entscheidung unter Einbeziehung des internationalen Häftlingsverbandes Amicale Internationale KZ Neuengamme und der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.V. mit den Verantwortlichen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu diskutieren. Dieser Wunsch wurde bislang stets zurückgewiesen.

Als Reaktion auf die monatelange Verweigerung einer Diskussion über die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und den Einsatz eines Soldaten in der Museumspädagogik, und aufgrund der Weigerung der Gedenkstätte, die Verbände der ehemaligen Häftlinge und ihrer Angehörigen an einer solchen Diskussion zu beteiligen, lehnte es nun einer der freien Mitarbeiter vorerst ab, weiterhin selbst Bundeswehrgruppen pädagogisch zu betreuen. Diese zeitweise Ablehnung des seit neun Jahren überaus erfolgreich für die KZ-Gedenkstätte tätigen Pädagogen, der sich außerordentlich großer Wertschätzung seitens der die Gedenkstätte besuchenden Schulklassen und Lehrkräfte erfreut, beantwortete die Gedenkstättenleitung mit dem „Verzicht auf die weitere Mitarbeit“. Es wurde die sofortige Sperrung des Kollegen beim für die Vermittlung von Führungen zuständigen Hamburger Museumsdienst veranlasst. Das kommt einem Maulkorb für freie Mitarbeiter/innen gleich und bedeutet eine empfindliche Beschädigung der Möglichkeit zur politischen Auseinandersetzung an einem Ort, an dem die Notwendigkeit, kritische Fragen zu stellen, größer nicht sein könnte.

Wir solidarisieren uns mit unserem Kollegen, fordern von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme die sofortige Aufhebung seiner Sperrung sowie die Einbindung der Häftlingsverbände in notwendig zu führende Gespräche über die Gedenkpolitik und den Einsatz eines aktiven Soldaten als freiberuflichen Museumspädagogen und Repräsentanten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Auf erste Proteste des Teams der freien Museumspädagog/innen ist von den Verantwortlichen der KZ-Gedenkstätte für den 11. Juni ein Gesprächstermin anberaumt worden. Nach diesem Gespräch wird klar sein, welchen Weg die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hinsichtlich ihres politischen Bildungsauftrages und mit ihrer pädagogischen Arbeit künftig gehen wird und welche Art des Umgangs mit den Häftlingsverbänden und mit kritischen und engagierten Mitarbeiter/innen sich dort etablieren wird.

*Das Team der freien Museumspädagog/innen an der KZ-Gedenkstätte*
freiepaedagogen_neuengamme[at]yahoo.de

Nachtrag 06.06. 2008: Ein Artikel von Andreas Speit aus der gestrigen taz zum Thema, welcher auch eine Stellungnahme von Fritz Bringmann, dem Ehrenpräsidenten der Amicale Internationale KZ Neuengamme, enthält, desweiteren gibt es nun auch eine Erklärung der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme e.V..

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