Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

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Die Folgen der Privatisierung des LBK Hamburg

Posted by entdinglichung - 14. Juni 2008

Von der Privatisierung von Krankenhäusern profitieren eigentlich fast alle … ausser PatientInnen (hier vor allem die kleine Minderheit derjenigen, welche nicht privat versichert sind), Krankenhausbeschäftigte, deren Angehörige und Menschen, welche vielleicht einmal stationär behandelt werden müssen und andere Minderheiten … zu den katastrophalen Folgen der Privatisierung des Landesbetriebes Krankenhäuser (LBK) in Hamburg hier einige Zitate aus einem Artikel von Jörn Breiholz in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung:

Eines der sechs neuen Hamburger Krankenhäuser des Herrn Broermann ist das ehemalige Allgemeine Krankenhaus Altona. Heute heißt es Asklepios Klinik Altona. Wer es betreten will, kommt an einer verwaisten Pförtnerloge vorbei. Für einen Pförtner gibt es kein Geld mehr. Hier arbeitet die Krankenschwester Sonia Schindel*. Bedingung für das Gespräch mit ihr und ihren drei Kollegen ist, dass ihre richtigen Namen nicht genannt werden. Drei der vier Betriebsräte arbeiten schon länger als zehn Jahre im Altonaer Krankenhaus.

Sie berichten von eingekoteten Patienten, die ungewaschen auf der Station eingewiesen werden; von Nachtschichten auf Stationen, auf denen nur noch eine einzige Pflegekraft schwer Kranke und frisch Operierte betreut; von Arzthelferinnen aus Zeitarbeitsfirmen, die anstelle von ausgebildeten Kräften als Leiharbeitskraft direkt in der Notaufnahme eingesetzt werden. „Manche Patienten stört, wenn Blutflecken auf dem Boden sind“, erzählt Sonia Schindel. „Einige Krankenschwestern antworten dann, dass sie sich doch bei der Leitung des Hauses beschweren sollten.“ „Wir arbeiten alle am Limit“, ergänzt ihre Kollegin aus der Notaufnahme. „Da ist eben manchmal nicht genug Zeit da, um mal eben einen Blutfleck aufzuwischen.“

Horst Heimel*, Krankenpfleger in einer chirurgischen Abteilung, nennt Zahlen. „2002 hatten wir 866 Patienten, 2006 waren es schon 1157. In den besten Zeiten gab es 15,5 Stellen in der Pflege, jetzt sind es noch dreizehn.“ Obwohl die Fallzahlen steigen und der Arbeitsdruck beständig wächst, nimmt der Personalschlüssel ab, berichtet Heimel. Nun fehlten selbst die Krankenpflegeschüler, da der neue Privateigentümer immer weniger Personal ausbilden lasse.

„2001 hatten wir pro Jahr noch 723 Schichten, in denen Krankenpflegeschüler mit angepackt haben. 2006 waren es noch 466.“ So bleibe nur eins, sagt der erfahrene Krankenpfleger: „Wir müssen die Arbeit direkt am Patienten, also in der Pflege, immer mehr zurückfahren.“ Da werde das Bett eben nicht mehr wie früher zweimal am Tag frisch bezogen, sondern „nach Bedarf und Verschmutzungsgrad“, wie Heimel sagt: „Das kann dann auch mal drei Tage dauern.“

Auch müssten die Pfleger immer mehr Arbeit von den Ärzten übernehmen, Blut abnehmen zum Beispiel oder Zugänge legen. „Wir können eben nicht mehr alle Patienten füttern“, sagt Sonia Schindel. „Wenn es zu viele sind, werden Magensonden gelegt oder venöse Zugänge. Das geht schneller, als mit der Hand zu füttern.“ Innere Emigration und Burn-out – das seien die Stichworte, die nun immer häufiger unter den Mitarbeitern die Runde machten.

„Wo sollen wir denn bis dahin zehn hoch qualifizierte und spezialisierte Krankenschwestern her bekommen?“, fragt sich die Krankenschwester. Zumal nicht nur Altona dringend neue Spitzenkräfte braucht. Auch in den anderen fünf Krankenhäusern, die ehemals zum LBK zählten und nun mehrheitlich Herrn Broermann gehören, werden mehrere hundert Krankenpfleger und etwa 30 Ärzte dem neuen Privateigentümer und seinen Asklepios-Kliniken den Rücken kehren. „Wir werden OP-Säle schließen müssen, weil wir den vorgeschriebenen Personalschlüssel nicht mehr einhalten können“, glaubt Schindel.

Natürlich habe die Ankündigung der Gründung von Tochtergesellschaften dazu geführt, dass noch mehr Mitarbeiter ihr Rückkehrrecht zur Stadt wahrgenommen haben, sagt Ries-Heidtke. Kaufmännisch habe der neue Eigentümer vor allem drei Dinge gemacht: die Anzahl der Betten erhöht, die durchschnittliche Verweildauer pro Patient jährlich um 0,25 bis 0,4 Tage nach unten geschraubt, das Personal abgesenkt und – wo möglich – durch Leiharbeit und Ausgliederung ersetzt. „Es sind also die Arbeitnehmer, die die Privatisierung mit der erheblichen Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen bezahlen müssen“, sagt Katharina Ries-Heidtke. „Und die Patienten, die schneller durchgeschleust werden.“

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