Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

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Olympische Spiele und Kapitalismus in China

Posted by entdinglichung - 20. Juli 2008

Hier der Hinweis auf den lesenswerten Text Olympia ’08 – Geld und Macht. Über die Bedeutung der Olympischen Spiele für China, Proteste und Gegenproteste der GenossInnen von der RSO und ein Auszug aus demselbigen:

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Die Auswirkungen für China sind in vielerlei Hinsicht enorm. Die OrganisatorInnen planten mit Gesamtkosten von umgerechnet 23 Milliarden Euro für die Infrastruktur – darunter 19 komplett neue Sportstätten – und weiteren 3,6 Milliarden Euro für die Organisation. Das ist mächtig viel Geld, vor allem wenn bedacht wird, dass es von einem Staat ausgegeben wird, in dem nur etwa 20% der Erwerbstätigen sozialversichert sind und viele ArbeiterInnen nicht mehr als 50 Cent in der Stunde verdienen. Noch stärker als in reichen Ländern wie in Österreich oder der Schweiz wirkt es sich in China aus, wenn Unmengen an Mitteln aus dem Budget entnommen werden, um riesige Kommerz- und Propaganda-Shows zu inszenieren. Denn für andere Ausgaben ist dann auf einmal kein Geld vorhanden; beispielsweise für den Bau von erdbebensicheren Schulen. Während des schweren Erdbebens vom 12. Mai dieses Jahres in der Provinz Sichuan brachen mehr als 6.000 Klassenzimmer in Schulen zusammen, wobei 4.700 SchülerInnen ums Leben kamen und 16.000 verletzt wurden. Zwar wurden bei diesem Erdbeben auch umliegende Gebäude, wie zum Beispiel Firmengebäude westlicher Untenehmen, beschädigt, diese blieben aber großteils stehen.

Die Olympischen Spiele führten zu einem regelrechten Bauboom in Beijing. Es kann davon ausgegangen werden, dass, um die Fertigstellung sämtlicher Austragungsstätten rechtzeitig zu gewährleisten, die Ausbeutung der einen Million an BauarbeiterInnen (!), die sich während der Arbeiten in Beijing aufhielten, gehörig verstärkt wurde. 90% dieser ArbeiterInnen kommen vom Land, sind WanderarbeiterInnen (oder auch „Mingong“, „Bauern-Arbeiter“, genannt) und somit den zahlreichen Diskriminierungen der chinesischen Wohnsitzkontrolle (Hukou-System) ausgeliefert. Sie arbeiten Tag und Nacht, schlafen nicht selten auf der Baustelle und bekommen häufig ihren Lohn nicht rechtmäßig ausbezahlt. Eine Eintrittskarte zu jenen Stadien, die sie selbst errichtet haben, werden sie sich kaum leisten können. Arbeitsunfälle gehören zum Alltag. Im Jänner 2008 hat die Regierung erstmals den Tod von sechs Arbeitern während der Baumaßnahmen für die Olympischen Spiele zugegeben. Doch schätzungsweise sterben jedes Jahr 2000 ArbeiterInnen aufs Beijings Baustellen.

Arbeitsunfälle sind aber nicht der einzige Vorwurf, mit dem sich die chinesische Organisation und das IOC herumschlagen müssen. Im Juni 2007 veröffentlichte die PlayFair-Alliance, ein Zusammenschluss verschiedenster NGOs und Gewerkschaften den Bericht „No medal for the Olympics on labour rights“ (http://www.playfair2008.org/docs/playfair_2008-report.pdf). Basierend auf einer Studie über Fabriken in der südchinesischen Provinz Guangdong stellte der Bericht fest, dass Unternehmen, welche offizielle Merchandising-Produkte für die Olympischen Spiele herstellen, systematisch Chinas ohnehin schwache Arbeitsschutzgesetzte brechen und sogar Kinderarbeit einsetzten. So ließ das taiwanesische Unternehmen Lekit in Dongguan 20 Kinder während deren Schulferien für 15 Stunden am Tag schwere Arbeit verrichten. Die Kinder waren von ihren verzweifelten Eltern an die Fabrik vermittelt worden, da diese sich die hohen Schulgebühren nicht mehr leisten konnten.

Für viele Beijinger EinwohnerInnen bedeuten die Spiele nichts Gutes. Ähnlich wie bei den Olympischen Spielen 1988 in Südkoreas Hauptstadt Seoul, wo 720.000 Menschen zwangsweise umgesiedelt wurden, um Platz für die olympische Infrastruktur zu machen, gestaltet sich auch die heutige Situation in Beijing – bloß dass die chinesische Metropole diesen fragwürdigen Rekord brechen wird. Bis zum Beginn der Spiele werden bis zu eineinhalb Millionen Menschen zwangsumgesiedelt bzw. vertrieben worden sein, so eine Untersuchung des Zentrums für Wohnrechte und Vertreibung (COHRE) in Genf. Dabei werden die alten Hutongs, die engen Gassen mit ihrer traditionellen Architektur im Stadtzentrum, ohne Rücksicht auf Verluste platt gemacht. Um das Problem von Beijings notorischer Wasserknappheit während der Wettkämpfe zu „lösen“, darf die Stadt Wasserreserven der Nachbarprovinz Hebei abzweigen, was bereits zu Protesten von Bauern/Bäuerinnen geführt hat. Und auch die, im wahrsten Sinne des Wortes, atemberaubende Smogschicht, die die Hauptstadt normalerweise verhüllt, wird nur kurzfristig verschwinden – indem einige Fabriken vorübergehend schließen. Anfang Juli wurden 86 Betriebe, darunter auch sechs deutsche Unternehmen, nahe Beijing aufgefordert, ihre Produktion im August einzustellen. Die KapitalistInnen hatten natürlich keine Freude damit, die Umwelt nicht durchgehend verpesten zu können, doch am härtesten sind von dieser Aufforderung natürlich die ArbeiterInnen dieser Betriebe betroffen.

Chinas beängstigende Umweltprobleme hängen damit zusammen, dass das Land, um im beinharten kapitalistischen Konkurrenzkampf der globalen Machtblöcke bestehen zu können gezwungen ist, Industrialisierungsprozesse in wenigen Jahren durchzumachen, für die Länder wie England, Frankreich oder die USA Jahrzehnte gebraucht haben.

Typisch für kapitalistische Großveranstaltungen ist auch eine Verschärfung der staatlichen Repression im Vorfeld der Events, um die Inszenierung möglichst „sauber“ gestalten zu können (wobei dies von bürgerlichen JournalistInnen für gewöhnlich nur im Fall von „autoritären“ Regierungen kritisiert, andernfalls als richtig und notwendig erachtet wird). Analog zum „Euro 2008“-Veranstalterland Österreich, das durchschnittlich 11 Menschen pro Tag abschiebt, will sich auch Beijing für die kommende Großveranstaltung als weltoffen und gastfreundlich präsentieren. „Beijing heißt dich willkommen“ („Beijing huanying ni“) lautet der Titel des offiziellen Olympia-Songs. Doch bestimmte Gesellschaftsschichten sind offenbar gar nicht willkommen. Im April 2006 gab die Beijinger Stadtregierung bekannt, dass im Hinblick auf die Spiele mehr als 70 lokale Gesetze und Verordnungen erlassen werden, um unerwünschte Personen von der Stadt fernzuhalten. Betroffen sind EinwohnerInnen ohne Wohnsitzregistrierung für Beijing, WanderarbeiterInnen, BettlerInnen, Menschen mit geistigen Behinderungen und andere, die das aufpolierte Stadtbild stören könnten. Kaum haben die abertausenden BauarbeiterInnen die Stadien fertig errichtet, müssen sie Beijing auch schon wieder verlassen. Grenzkontrollen und die Überwachung von kritischen NGOs sollen verschärft sowie sämtliche Protestkundgebungen verboten werden.

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