Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Aus der Fundamentalkritik der fundamentalen Wertkritik (1993)

Posted by entdinglichung - 31. Juli 2008

Das Blättern in alten linksradikalen Zeitschriften hat nicht nur nostalgischen Wert [sic!] sondern fördert zuweilen Perlen zu Tage … eine jener leider verblichenen (böse Zungen sagen, von einem ehemaligen KABD-Leitungsmitglied und späteren Poptheoretiker( dessen Diplomarbeit u.a. auch in jenem Blatt als Fortsetzungsroman veröffentlicht wurde) getöten) linken Zeitschriften war die zwischen 1984 und 1996 erscheinende Spezial aus Hannover, welche aufzeigte, dass die innerlinken Polemiken „damals“ nicht weniger scharf aber oft inhaltsreicher waren … nachfolgend einige Takte aus dem Artikel Im Hühnerstall Motorrad fahren oder linke Politik machen. Zum Utopieverlust und den theoretischen Folgen des aktuellen „grosstheoretisch-kategorialen“ Marxismus aus der Ausgabe Nr. 89 (März/April 1993) … zumindest bezüglich der Krisis (und ihren späteren Spaltprodukten) sei hier angemerkt, dass der Artikel mit ihnen vielleicht ein wenig zu hart ins Gericht geht und dass diese immer noch auf der richtigen Seite der Barrikade stehen und bei ihnen die Wertkritik nicht zum „gesunkenen Kulturgut“ wurde:

Weil sich die ‘Krisis’-Kritik ebenso wie die der ISF als “Wertformkritik” an (gegenwärtig ja nur noch vorhandener ‘kapitalistischer’) Gesellschaftlichkeit begreift, zerschlägt das angebliche Fehlen des revolutionären Subjekts, dass ja in beiden Fällen erst zur Hinwendung zu diesem Theoriezugang führte, jede Politikfähigkeit dieser Ansätze, die über subjektives Wollen und Meinen hinausgeht. Während die ISF sich nur in die durch nichts oder nur pathologisch begründbare „Hoffnung, durch Kritik die Krise zu provozieren“ flüchten kann, versucht die fortschrittsgläubige ‚Krisis’-Gruppe sich auf die mit der „Entwicklung der Produktivkräfte“ (hoher Technisierungsgrad (…) einhergehende Herausbildung eines zwar widersprüchlichen, aber entwickelten bürgerlichen Individuums, als unabdingbare menschliche Voraussetzung einer kommunistischen Revolution“ zu werfen.
Aus dieser Sicht heraus erscheinen dann die Menschen und Klassen, die in den unterentwickelten Regionen des durchaus richtig beschriebenen weltweit durchgesetzten Kapitalverhältnisses versuchen, sich gegen die dortigen Verhältnisse zu erheben, sowieso reaktionär: angeblich können sie ja die Verwertung des Werts dort sowieso nicht durchbrechen, andererseits erlaube „die ungleichzeitige Entwicklung zwischen und innerhalb der Nationalstaaten keinen Schulterschluss für eine kommunistische Vergesellschaftung“.

Überaus frappiert ein Vergleich der beschriebenen Grosstheorien mit den Spielarten christlicher Religionsausübung. Die ‚Krisis’ praktiziert dabei so etwas wie politischen Katholizismus, in dem ‚Gott’ ausserhalb der Subjekte gesetzt ist und die Verhältnisse sich durch die Menschen unveränderbar nach göttlichem Willen entwickeln, die ISF entspricht eher dem Protestantismus und verlegt die Notwendigkeit einer ohnmächtigen Verantwortlichkeit, gegen eine teuflische Welt der Herrschaftsausübung vorzugehen, also sie zu bekämpfen, ohne teuflisch zu werden, in die Subjekte selbst.
Dies ist möglich, weil beiden Ansätzen mit dem sozialen auch das politische Subjekt abhanden gekommen ist, Erkennen im Handeln also ebenso obsolet wurde wie eine entfaltete gesellschaftliche Utopie, die sich ohne Subjekt natürlich nicht denken lässt.


P.S.: Wenn Krisis katholisch und ISF protestantisch ist, was ist/sind dann die MG/Gegenstandpunkt?

5 Antworten to “Aus der Fundamentalkritik der fundamentalen Wertkritik (1993)”

  1. „die ungleichzeitige Entwicklung zwischen und innerhalb der Nationalstaaten keinen Schulterschluss für eine kommunistische Vergesellschaftung“.

    Ist das von Krisis oder ISF?

  2. Lyzis said

    „Wenn Krisis katholisch und ISF protestantisch ist, was ist/sind dann die MG/Gegenstandpunkt?“

    ebenfalls idioten.

  3. Ach, jemand, der früher bei Krisis war. Wundert mich eigentlich, dass er so etwas vertreten hat.

    Vielen Dank für’s schnelle Nachsehen!

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