Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Archive for 4. August 2008

Rosa Pazos (1961-2008)

Posted by entdinglichung - 4. August 2008

Die nachfolgende Meldung zur Ermordung der Anarchistin und transsexuellen Aktivistin Rosa Pazos am 11. Juli in Sevilla stammt von der Homepage der GenossInnen der FAU, weiterhin sei in diesem Zusammenhang auf ein Kommunique von LBGT-Organisationen (en castellano) aus dem Territorium des spanischen Staates hingewiesen:

¡Rosa presente!

Sevilla: CNT-Genossin Rosa Pazos in ihrem Haus ermordet

Am 11. Juli wurde die Anarchistin und transsexuelle Aktivistin aus Sevilla, Rosa Pazos, erstochen. In Erwartung weiterer Informationen über das Geschehene wollen wir, ihre GenossInnen, folgendes mitteilen:

Rosa war eine von den Militanten, die die CNT liebte. Sie kam in das Gewerkschaftslokal und fing still an, Arbeiten zu erledigen. Sie putzte, räumte auf, malte Transpis…, sie war immer hilfsbereit. Sie steckte so viel mehr Liebe in ihre Arbeit als viele andere von uns.

Als wir gemeinsam arbeiteten, habe ich mich sehr gerne mit ihr unterhalten, dabei berichtete sie über ihre Erfahrungen und erzählte über ihre Welt, die mir völlig fremd war. Ich war erstaunt, als sie von Verfolgungen berichtete. Ich wusste, dass es Leute gab, die sie verachteten, die versucht haben, sie anzugreifen; aber nie glaubte ich, dass es so schlimm wird.

Transsexuell und Anarchistin, einen schwierigeren Weg hätte sie sich nicht aussuchen können. Menschen, die zeigen, dass Sachen anders gemacht werden können, verursachen ANGST. Wir machen denen ANGST, die sich dem Stand der Dinge anpassen (in gender, Sexualität, Politik oder in wirtschaftlichem Sinn), gleichermaßen Unterdrückte wie Unterdrücker, weil sie Angst davor haben, von einer besseren Welt zu TRÄUMEN. Eine Welt, in der sich jedeR frei aussuchen kann, was für einen Beruf sie/er ausüben will oder was für eine Sexualität sie/er ausleben möchte. Und Angst erzeugt Gewalt. Gewalt, wie Rosa sie immer erfahren hat.

Rosa Pazos, ermordete Anarchistin und Transsexuelle

Auf dieser in Sichten geteilten Welt war Rosa als Transsexuelle nicht auf der niedrigsten Stufe, sondern noch weiter unten. Rosa wurde auf Grund ihres Aussehens und ihrer Wünsche verfolgt. Sie wünschte sich, eine Frau zu sein. Sie wünschte sich so sehr zu erfahren, wie es sich anfühlt, Kinder zu haben, sie zu stillen oder die Menstruation zu haben …

Rosa hatte irgendwie eine sehr ungewöhnliche Denkweise, sie drückte ihre Gedanken nicht linear aus. Ihre Plakate haben mich sehr beeindruckt, sie sahen aus wie Kunstwerke, die ihre komplizierte Innenwelt ausgedrückt haben. Unabhängig vom Thema, das sie behandelt haben – Repression, Anarchismus, Transsexualität – sie haben alle ihre persönliche Handschrift verraten. Manchmal, als sie mir Sachen erzählte, war ich ziemlich verblüfft. Leider habe ich sie manchmal nicht verstanden und konnte ihr nur höflich zuhören.

Ein Mensch mit einer so besonderen Sensibilität, die sie mit keinen oder nur sehr wenigen Leuten teilen kann, muss sehr leiden. Denn es sind die Gefühle, die wir mit anderen Menschen teilen, die uns glauben lassen, nicht allein zu sein. Meiner Meinung nach war es dieses Leiden, das sie so anders erscheinen ließ. Egal wie groß ihr Leiden, ihr Schmerz und die Hoffnungslosigkeit waren, sie war nicht funktional, sie war nicht normal, sie passte sich nicht an. Aus diesem Grund wurde sie entlassen.

Die Zeitungen sagen, sie war schizophren. Ich wusste davon nichts. In meiner Anwesenheit hatte sie kein Delirium, oder hat nie erzählt, dass sie Stimmen hört oder dass sie komische Befehle erhalten würde. Sie hat mich nie mit Zwangsvorstellungen genervt, unter denen die Menschen leiden, die als solche bezeichnet werden. Sie hat Ihre Mutter gepflegt. Die Menschen, die unter Schizophrenie leiden, brauchen selber Pflege und sind nicht in der Lage, auf andere aufzupassen. Sie hat nie jemanden angeschrien. Ganz im Gegenteil, sie war immer hilfsbereit.

Sie erzählte mir, dass die Psychiater von der Krankenkasse an ihren Fähigkeiten und an ihrem Willen Zweifel geäußert hatten. Aber ich, als Nichtspezialist, kann nur eines sagen: was Rosa betrifft, sind alle diese Berichte von Sachverständigen und Spezialisten nur ein großer Scheißhaufen. Mentale Probleme haben wir hier alle. Man muss sich nur die Mächtigen und Politiker dieser Welt anschauen um zu sehen, dass sie lügen, morden, vergewaltigen, entführen und vernichten, ohne dass irgendwelche
Sachverständigen über sie Berichte schreiben.

Ihre Anzeigen wegen Verfolgungen in der Nachbarschaft finde ich sehr glaubwürdig. Ein Mensch wie Rosa, der vom Weitem erkennbar ist, der sich völlig friedlich und freundlich verhält, ist leider nur Kanonenfutter für widerwärtige Wesen und Unmenschen, die ihren Spaß daran finden, anderen Schaden zuzufügen, die sich nicht wehren können oder allein sind.

Mal sehen, was jetzt die Polizei zu berichten hat, die ihre Anzeigen systematisch zu den Akten legte, über eine Frau, die weder rauchte noch Alkohol oder Drogen zu sich nahm. Weswegen hat sie denn Anzeige erstattet? Weil sie ausgelacht wurde, verfolgt, weil sie am Telefon und über ihre Klingelanlage belästigt und beschimpft wurde, weil sie Morddrohungen erhielt. Jetzt ist sie tot. Erstochen in ihrer eigenen Wohnung. Wie es aussieht, hat die für verrückt erklärte Rosa am Ende recht behalten.

Wir werden sie nicht vergessen.

Quelle: A las Barricadas

Anmerkung: Laut den GenossInnen der CNT in Sevilla war Rosa nie Mitglied der CNT, weil sie sich aus Prinzip keiner Organisation anschließen wollte. Sie war aber oft im Lokal, hat an vielen Aktionen teilgenommen und war in das soziale Leben der Ortsgruppe eingebunden. Außerdem war sie eine der zuverlässigtsen Militanten. Trotz vieler Aufforderungen sich der CNT-AIT anzuschließen tat Rosa dies nie – sie fand sich „nicht anarchistisch“ genug.

Posted in Anarchismus, Gewerkschaft, Klassenkampf, LBGT, Patriarchat, Repression, Spanischer Staat | Leave a Comment »

Zur Sommerlektüre empfohlen:

Posted by entdinglichung - 4. August 2008

* Ian Angus: If Socialism Fails: The Spectre of 21st Century Barbarism:

From the first day it appeared online, Climate and Capitalism’s masthead has carried the slogan “Ecosocialism or Barbarism: there is no third way.” We’ve been quite clear that ecosocialism is not a new theory or brand of socialism — it is socialism with Marx’s important insights on ecology restored, socialism committed to the fight against ecological destruction. But why do we say that the alternative to ecosocialism is barbarism?

Marxists have used the word “barbarism” in various ways, but most often to describe actions or social conditions that are grossly inhumane, brutal, and violent. It is not a word we use lightly, because it implies not just bad behaviour but violations of the most important norms of human solidarity and civilized life.

* Das Linksprojekt und seine Kandidatur von der RSO:

Als zentrale Aufgaben von RevolutionärInnen sehen wir den Aufbau einer stabilen revolutionären Organisation und ihre Verankerung in der ArbeiterInnenklasse. Wir denken, dass das nicht über reformistische Projekte oder eine besonders geschickte (Wahl-) Kampagne funktioniert. Versuche, über das Vehikel SPÖ weiter zu kommen, die Sozialdemokratie zu reformieren oder gar in eine revolutionär-sozialistische Kraft umzumodeln, sind hochgradig illusionär. Ein gewisses Ausmaß von kritischen, linken Kräften in der Partei hat vielmehr eine Funktion für die Sozialdemokratie, denn es bindet potentiell radikale Kräfte an den SP-Reformismus, behindert die Schaffung eines klassenkämpferischen sozialistischen Pols außerhalb und trägt so zur Konservierung der sozialdemokratischen Hegemonie in der ArbeiterInnenbewegung bei. Ebenso wenig funktionieren andere Abkürzungen. So gut kann eine (Wahl-) Kampagne gar nicht sein, dass sie eine Verankerung in der ArbeiterInnenklasse ersetzen kann. Auch wenn eine Wahlinitiative durch allerlei professionelle Tricks in den bürgerlichen Medien vielleicht eine Zeit lang als relevantes Projekt dasteht, wird sich schnell zeigen, wie wenig real dahinter steht. Letztlich führt am geduldigen Aufbau einer Organisation von revolutionären AktivistInnen kein Weg vorbei. Ein solches Projekt kann nicht auf kurzfristige Durchbruchserwartungen setzen, die ohnehin immer schnell enttäuscht werden, sondern auf langfristig angelegte Ausbildung von Kadern und die politische Verankerung der Organisation und ihrer Ideen in der ArbeiterInnenklasse. Diese Arbeit verspricht wenig medialen Ruhm und keine Hoffnung auf baldige Teilnahme an der „großen Politik“. Sie ist mühselig und erfordert ein hohes Ausmaß an Kontinuität und Realismus. Sie ist aber die einzige Möglichkeit zur Überwindung des jämmerlichen Zustandes der österreichischen Linken.

Posted in Österreich, Kommunismus, Marxismus, Sozialismus, Trotzkismus, Umwelt, Wahlen | Leave a Comment »

Neues aus den Archiven der radikalen Linken – eine Auswahl

Posted by entdinglichung - 4. August 2008

La Bataille Socialiste:

* Kurt Landau: The Spanish Revolution of 1936 and the German Revolution of 1918-1919 (1937)
* Jean Zyromski: Les formations politiques de la France contemporaine et l’action du Parti socialiste (1931)
* POUM: Resolución del CE del POUM sobre la actual situación política (1936)
* Raya Dunayewskaye: Bureaucratie et capitalisme d’État
* Maximilien Rubel: L’enquête ouvrière de Marx (1957)
* J.H.Halls: Capital and Labour in Paris (1908)
* Alfred Rosmer: Sept mois de gouvernement travailliste (1931)
* Jean Zyromski: Les formations politiques de la France contemporaine et l’action du Parti socialiste (1931)
* F.C. Watts: The Fetish of Unity (1908)
* J.H. Halls: An echo of the Commune (1908)
* Rosa Luxemburg: The Polish Question at the International Congress in London (1897)
* J.H. Halls: “Social Peace” in France (1908)

Association pour la sauvegarde de la mémoire de la section française de la IVe internationale (ASMSFQI):

* Parti communiste internationaliste (PCI) : Deutche und „alliierte“ Soldaten ! Arbeiter Europas ! (1944)
* Parti ouvrier internationaliste (POI): La Vérité, 14. September 1943
* Parti communiste internationaliste (PCI): La Vérité, 15. Juli 1944
* Parti communiste internationaliste (PCI): IVe internationale, Juni 1961
* Jeunesse communiste internationaliste (JCI): Bulletin du premier congrès, Lettre du PCI au congrès des JCI (1947)
* Jeunesse communiste internationaliste (JCI): Bulletin du premier congrès, Projet de résolution sur la „Jeune Garde“ (1947)
* Parti communiste internationaliste (PCI): La Vérité des travailleurs, Mai 1961
* Parti communiste internationaliste (PCI): IVe internationale, Oktober 1952
* Parti communiste internationaliste (PCI): La Vérité des travailleurs, Juni 1961
* Ligue communiste (LC): Bulletin d’histoire et de sociologie du XXe siècle, Mai 1973

Europe Solidaire Sans Frontières (ESSF):

* Benedict Anderson: Cacique Democracy in the Philippines: Origins and Dreams (1998)
* Partido ng Manggagawa (PM): Manifesto of the Partido ng Manggagawa: Seize the Moment! (2001)

Marxists Internet Archive (MIA):

* C.L.R. James: Capitalist Society and the War (1940)
* LSA/LSO: Wages for Housework? (1970)
* Joe Knight: A Canadian at the Comintern (1921)
* Duncan Hallas: Vers un parti socialiste révolutionnaire (1971)
* Leo Trotzki: Manifesto da IV Internacional Sobre a Guerra Imperialista e a Revolução Proletária Mundial (1940)
* Leo Trotzki: Frankrike foran avgjørelsen (1938)
* Leo Trotzki: De eneveldige defaitister (1938)
* Karl Liebknecht: En internasjonal sosialists tilståelse (1916)
* Karl Liebknecht: Tross alt! (1919)

Materialien zur Analyse von Opposition (MAO):

* Dietmar Kesten: Zur Geschichte der KPD/ML (Zentralkomitee). Teil 1: Die Frühphase (2008)
* Auswertung von Materialien zu folgenden Regionen/Orten/Betrieben: Kreis Paderborn, Kreis Herford, Kreis Lippe, Landkreis Göppingen, Düsseldorf: Klöckner VDI, Ortenaukreis

Zabalaza.Net:

* Alexander Berkman: The Russian Tragedy (1922, pdf-Datei)
* Andrew Flood: Beyond the Affinity Group: The Organisational Challenge for Anarchists (2002, pdf-Datei)

Centro de Documentación de los Movimientos Armados (CeDeMA):

* Ejército Guerrillero de los Pobres (EGP): Manifiesto Internacional (1979)
* Movimiento de Izquierda Revolucionaria (MIR): Boletín de la Comisión de Organización (1971)
* Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN): Carta a los nicaragüenses residentes en Estados Unidos (1973)

From Marx to Mao:

Harry Haywood: Negro Liberation (1948, pdf-Datei)

Communist Party of Great Britain (CPGB):

* Brian Keenan/Jack Conrad: Correspondence (1987-1989)

Posted in Anarchismus, Feminismus & Frauenbewegung, Kommunismus, Linke Geschichte, Marxismus, Sozialismus, Sozialistika - Linke Archivalien, Trotzkismus | Leave a Comment »