Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Georg Lukács: Notizen (zu Oswald Spenglers „Preußentum und Sozialismus“, 1920)

Posted by entdinglichung - 5. August 2008

Eine Polemik von Georg Lukács gegen Oswald Spengler (und andere präfaschistische „Deutsche Sozialisten“) von 1920 (als pdf-Datei (19 kb) hier):

Georg Lukàcs: Notizen (1920)

Die neueste Überwindung des Marxismus. Selten vergeht ein Jahr, ohne daß Marx von irgend einem strebsamen Privatdozenten oder Modephilosophen endgültig „überwunden“ wäre. der Todeskampf, den die bürgerliche Gesellschaft auszufechten hat, spielt sich auch auf ideologischem Boden ab. Diese Überwindungen zeigen für den aufmerksamen Beobachter ein merkwürdig gleichbleibendes Gesicht. es ändert sich der Wortlaut der Beweisführung, die erkenntnistheoretischen oder metaphysischen Argumente scheinen ebenfalls immer neue zu sein – der Grundcharakter, der Ausgangspunkt und das Endziel sind aber stets die gleichen. Sie stammen aus der kleinbürgerlich-parasitären Beschaffenheit der Klassenlage der Intellektuellen. Als echte Kleinbürger sind nämlich die Gelehrten außerstande, selbst die Tatsache des Klassenkampfes richtig zu erblicken, geschweige denn richtig zu werten. Sie verlangen, wie Marx sagt, Institutionen, „nicht um zwei Extreme: Kapital und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern um ihren Gegensatz abzuschwächen und in Harmonie zu verwandeln.“ (Brumaire, 37.) Da sie parasitäre Existenzen innerhalb des kapitalistischen Staates sind, spiegelt sich dieser in ihrem Denken als ein Absolutes, oder gar als das Absolute schlechthin. Sie stellen die Theorie Marxens irgendeiner Utopie gegenüber, die, wenn man sie der mehr oder weniger volltönenden Phrasen entkleidet, auf die Verherrlichung des bestehenden Staates herausläuft.

Die neueste Größe in dieser edlen Reihe ist der Modephilosoph Oswald Spengler, dessen stellenweise geistreiches, im wesentlichen aber durch und durch dilettantisches Buch „Untergang des Abendlandes“ unlängst den Erfolg errungen hat, der eigentlich dem tiefen Werke Ernst Blochs „Geist der Utopie“ gebührt hätte. Herrn Spenglers neues Buch „Preußentum und Sozialismus“ will „den deutschen Sozialismus von Marx befreien“. (4) Max hat nämlich das große geschichtsphilosophische Problem der Neuzeit nicht erblickt, das unser Philosoph so zusammenfaßt: „drei Völker des Abendlandes haben den Sozialismus in einem großen Sinne verkörpert: Spanier, Engländer und Preußen. Von Paris und Florenz aus formte sich der anarchistische Gegensinn in zwei anderen: Italienern und Franzosen“. (26) Marx konnte deshalb die folgenden grundlegenden Entdeckungen nicht machen. Erstens, daß es in der französischen Revolution keinen Klassenkampf gab (14-15.); daß eine französische Bourgeoisie gar nicht vorhanden ist, denn „jeder echte Franzose war und ist heute noch Bürger. Jeder echte Deutsche ist Arbeiter“ (10); daß es in Frankreich gar keine wirklichen Klassen gibt (70). Zweitens, daß es in England keinen Staat gibt (32-33); daß nur England einen eigentlichen Kapitalismus kennt (48); daß dementsprechend eine Klassenschichtung auch nur dort aufzufinden ist. So wird der oberflächliche Marx, der die Klassenlage nach der Stellung im Produktionsprozeß bestimmt hat, vertieft und überwunden; die Klassenschichtung ergibt sich aus den Vermögensverhältnissen, ist der Gegensatz von arm und reich (44-45). Der arme Marx, der das alles nicht sah, vermochte demzufolge auch nicht zu erblicken, daß der Sozialismus schon längst verwirklicht war – im Königreich Preußen. darum hat Marx das Problem des Staates nicht erfassen können (75), daher stammt sein „dilettantisches Lob“ der Kommune von 1871 (76); darum konnte er das echte Rätesystem, das der Freiherr von Stein vor hundert Jahren geplant hatte, nicht würdigen (61). Auf diese Weise wird der oberflächliche Sozialismus durch den philosophisch vertieften ersetzt. Dieser Sozialismus ist eine Ordnung der Autorität (44), er ist „rein technisch gesprochen, das Beamtenprinzip“ (76). so ist es natürlich, daß auch die Sozialisierung von Marx unerkannt, schon vorhanden war, sie ist „von Friedrich Wilhelm I. bis auf Bismarck … fortschreitend entwickelt worden“ (89). Diesem philosophischen Tiefsinn entsprechend, wird auch der Begriff der Internationale umgewertet: „die echte Internationale ist der Imperialismus“ (84). Darum sind die beiden Parteien, Konservative und Sozialisten als Repräsentanten des vertieften Sozialismus, wobei die „Konservativen bessere Offiziere, die Sozialisten bessere Soldaten waren“, zusammengehörig (63). Die Versöhnung dieser feindlichen Brüder ist das Ziel des philosophisch neuentdeckten Sozialismus.

Lohnt es sich, solche Schriften zu kritisieren? Sie sind als Symptome nicht uninteressant. es beweist nur die grenzenlose Unwissenheit des Herrn Spengler in Fragen des Marxismus, das sein einziges Zitat von Herrn Lensch stammt (49), sondern es zeigt auch, wohin Theorie und Praxis der deutschen Rechtssozialisten notwendig führen mußten. Sonst unterscheidet sich dieses Büchlein in gar nichts von dem seit Dühring & Co. sattsam bekannten „Überwindungen“ des Marxismus, die seit jeher in der Verherrlichung des preußischen Staates gipfelten. das Neue ist nur, daß auch die Revolution die Deutschen von ihrer, wie Engels sagt, in das nationale Bewußtsein gedrungenen Bedientenhaftigkeit“ (Anti-Dühring 193) nicht zu heilen vermochte.

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