Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Karl Korsch: Thesen zum Vortrag „Hegel und die Revolution“ am 19.11. 1931

Posted by entdinglichung - 5. August 2008

Thesen zum Vortrag „Hegel und die Revolution“ am 19.11. 1931, ein kurzer Text von Karl Korsch von 1931 zur Historisierung der hegelianischen Dialektik und der marxistischen Theorie (als pdf-Datei (20 kb) hier):

Karl Korsch: Thesen zum Vortrag „Hegel und die Revolution“ am 19.11. 1931

I. Man kann die Hegel’sche Philosophie und ihre dialektische Methode nicht begreifen, wenn man sie nicht in ihrem Zusammenhang mit der Revolution begreift.

1. Sie ist geschichtlich aus der damaligen revolutionären Bewegung hervorgegangen.

2. Sie hat die Aufgabe erfüllt, die revolutionäre Bewegung ihrer Zeit in Gedanken zu erfassen.

3. Dialektisches Denken ist auch formell revolutionäres Denken:

a) Loslösung vom unmittelbar Gegebenem – radikaler Bruch mit dem bisherigen Kopfstand, neuer Anfang

b) Prinzip des Gegensatzes und der Negation

c) Prinzip der fortwährenden Veränderung und Entwicklung des qualitativen Sprunges.

4.) Mit der weiteren Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft verschwindet auch in der bürgerlichen Philosophie und Wissenschaft, nachdem die revolutionäre Aufgabe einmal erfüllt ist, unvermeidlich die revolutionäre dialektische Methode.

II. Man kann die Hegel’sche Philosophie und ihre dialektische Methode nicht kritisieren, wenn man sie nicht in ihrem Zusammenhang mit dem bestimmten geschichtlichen Charakter der damaligen revolutionären Bewegung begreift.

1. Sie ist eine Philosophie nicht der Revolution überhaupt, sondern der bürgerlichen Revolution des 17. und 18. Jahrhunderts.

2. Sie drückt auch als Philosophie der bürgerlichen Revolution nicht den ganzen Prozeß dieser Revolution aus, sondern nur seinen letzten Abschluß. Sie ist insofern nicht eine Philosophie der Revolution, sondern der Restauration.

3. Diese zweifache geschichtliche Bestimmung erscheint formell in einer zweifachen Einschränkung des revolutionären Charakters der Hegel’schen Dialektik.

a) Die Hegel’sche Dialektik endet trotz der dialektischen Verflüssigung aller vorgefundenen Verfestigungen im Ergebnis mit einer neuen Verfestigung; Verabsolutierung der dialektischen Methode selbst und damit zugleich des ganzen dogmatischen Inhalts des darauf gebauten philosophischen Systems.

b) Die in dem Ansatz der dialektischen Methode enthaltene revolutionäre Pointe wird von Hegel in der Synthese künstlich zurückgebogen zum „Kreise“, zur begrifflichen Wiederherstellung der unmittelbar gegebenen Wirklichkeit, zur Verklärung des Bestehenden und zur Versöhnung mit der Wirklichkeit.

III. Die von Marx und Engels vollbrachte, von Lenin erneuerte „Hinüberrettung“ der bewußten Dialektik aus der deutschen idealistischen Philosophie in die materialistische Auffassung der Natur und Geschichte, aus der bürgerlichen in die proletarische Revolutionstheorie hat – geschichtlich und theoretisch – nur den Charakter eines Überganges. Was damit geschaffen ist, ist eine Theorie der proletarischen Revolution nicht wie sie sich auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der bürgerlichen Revolution hervorgeht, die also in jeder Beziehung, im Inhalt und in der Methode noch behaftet ist mit den Muttermalen des Jakobinismus, der bürgerlichen Revolutionstheorie.

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