Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Vermischtes zur Vergangenheitspolitik

Posted by entdinglichung - 26. Januar 2009

1.) Wieder einmal Unsägliches von Papst Ratzinger: Nach der Seligsprechung francistischer Geistlicher (nebst Ablehnung des Gesetzes Ley de Memoria, welchen den Putsch von 1936 als illegal einstuft), einer die Rolle des katholischen Antisemitismus versteckenden Rede in Auschwitz 2006, Lobhudelei zu Pius XII., der Widerzulassung einer vor 40 Jahren abgeschaften antijüdischen Karfreitagsliturgie, etc. nun dies (Quelle Reuters, siehe auch hier):

„Das deutsche Oberhaupt der katholischen Kirche hob am Wochenende die Exkommunikation von vier Bischöfen auf, die 1988 ohne Zustimmung des Vatikans vom ultrakonservativen französischen Erzbischof Marcel Lefebvre geweiht worden waren. Einer von ihnen ist der in Großbritannien geborene Richard Williamson, der wiederholt das volle Ausmaß des Völkermords an den Juden während des Nationalsozialismus leugnete. So hatte er zuletzt in einem am Mittwoch im schwedischen Fernsehen ausgestrahlten Interview gesagt: „Ich glaube, dass es keine Gaskammern gegeben hat.“ Zudem behauptete er, in den deutschen Konzentrationslagern seien nicht sechs Millionen Juden getötet worden, sondern lediglich bis zu 300.000.

Ein Sprecher des Vatikans räumte zwar ein, dass Williamsons Kommentare anfechtbar seien. Für die Aufhebung der Exkommunikation seien sie aber „absolut irrelevant“, betonte er.

Die vier Bischöfe gehören der traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X. an. Nach ihrer Exkommunikation und der ihres Gründers Lefebvre vor rund 20 Jahren spaltete sie sich von der römisch-katholischen Kirche ab. Der Bruderschaft gehören nach eigenen Angaben 493 Priester an, 600.000 Gläubige haben sich ihr angeschlossen. Mit der Rehabilitation der Bischöfe wollte Papst Benedikt XVI. die Einheit der katholischen Kirche wiederherstellen.“

Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass die Priesterbruderschaft St. Pius X politisch zur reaktionären oder faschistischen Rechten (so in Frankreich, wo sie am stärksten ist, zum Front National) tendiert … vergleichbare Konzilianz gegenüber BefreiungstheologInnen und LinkskatholikInnen wie bspw. Leonardo Boff oder Jacques Gaillot sucht mensch beim recht(s)gläubigen Papst Ratzinger vergeblich, worauf beispielsweise auch die relativ gemässigte katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ hinweist.

bishop

2.) Zur Diskussion um den neuen Tom Cruise-Film Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat ein Zitat aus dem Buch Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick (S. 309f, 1994) von Ian Kershaw:

„Es wurde bereits angesprochen, dass sich die meisten der Männer, die sich später an der Stauffenberg-Verschwörung beteiligten, zunächst für das Dritte Reich begeisterten und viele von ihnen unter Hitler als Staatsdiener wichtige Funktionen in den höheren Rängen der Bürokratie und Wehrmacht wahrnahmen. Mit der wachsenden Radikalisierung des Regimes kam es bei ihnen zu einer allmählichen Entfremdung und Desillusionierung. Sie dienten dem Regime jedoch lange genug, um es so weit zu stärken, dass Widerstand in jeder Form schwieriger und sie selbst entbehrlicher wurden – und die NS-Führung sich von den traditionellen nationalkonservativen Eliten distanzieren und sie zu rein “funktionalen Eliten”degradieren konnte. In ihrer grossen Mehrheit billigten die Eliten 1933 die Zerschlagung des “Parteiensystems”, das sie in der Weimarer Republik so verabscheut hatten; sie lobten Hitler 1934 öffentlich für den Massenmord an den SA-Führern; über die Demontage der Verträge von Versailles und Locarno zeigten sie sich in den Jahren 1935/36 begeistert; 1936 akzeptierten sie den Sprung zur Autarkiewirtschaft und Kriegsvorbereitung; als 1937/38 mit Hilfe einer Terrorwelle immer mehr jüdisches Eigentum arisiert wurde, äußerten sie keine Kritik. Sie fügten sich stillschweigend, als die Konservativen im Februar 1938 von allen einflussreichen Posten in der Wehrmacht und im Auswärtigen Amt entfernt wurden, und sonnten sich nach dem Anschluss Österreichs im folgenden Monat im Widerschein des Hitlerschen Ruhms. Erst danach entstand im Gefolge der sich zuspitzenden Sudetenkrise aus der zunehmenden Besorgnis einer Minderheit innerhalb der Eliten der Keim für die spätere Verschwörung gegen den “Führer”. Doch aufgrund der weiteren aussenpolitischen Erfolge Hitlers- darunter der Triumph über die nachgiebigen Westmächte in München – sowie die erstaunliche militärische Erfolgsserie, die erst vor den Toren Moskaus ein Ende fand, blies der Wind auch dann noch der Opposition ins Gesicht. Unterdessen verstrickten sich die Eliten in Bürokratie, Militär und Wirtschaft immer tiefer in die wachsende nationalsozialistische Barbarei in Polen und der Sowjetunion. Mit zunehmender Kriegsdauer brachen sie gemeinsam mit dem NS-Regime immer mehr Brücken hinter sich ab.“

3.) Humoriges bei Missy zum 2000. Jubiläum der Varusschlacht:

… auf wessen Seite mensch als internationalistischeR LinkeR vor 2000 Jahren hätte stehen müssen (römischer Sklavenhalterstaat oder die gegen römische Besteuerung und Verwaltung revoltierende Stammeskonföderation), muss aber noch einmal ausdiskutiert werden … ;-)


Nachtrag 27.01. 2008: Zur ersten Meldung passend: Der Papst, der schwieg (taz, 22.01. 2009) zu einer Ausstellung in Berlin, welche die Vatikan-offizielle Geschichtsfälschung Sichtweise zu Pius XII. präsentiert … mensch sollte bei Interesse am Thema besser Rolf Hochhuths Stellvertreter lesen als diese Ausstellung besuchen

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