Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Paul Parin (1916-2009)

Posted by entdinglichung - 20. Mai 2009

Paul Parin, Antifaschist, undogmatischer und libertärer Sozialist, Schriftsteller, Psychoanalytiker und Ethnologe (er gilt als Pionier der Verwendung psychoanalytischer Methoden und Theorien in der ethnologischen Forschung) starb vor zwei Tagen im Alter von 92 Jahren in Zürich. Wir werden ihn vermissen.

Nachfolgend ein Auszug aus dem Nachruf auf Hagalil:

„Im Oktober 1944 verließ der 27-jährige aus Protest gegen die offizielle, tolerierende Haltung der Schweizer Regierung gegenüber den Nationalsozialisten – seine Regierung stempelte ein “J” in die Pässe der verzweifelten, Zuflucht suchenden jüdischen Flüchtlinge – Zürich und brach gemeinsam mit sechs Schweizer Kollegen der Ärzte- und Sanitätshilfe – hierunter auch seine spätere Ehefrau Goldy Parin -Matthèy – unter abenteuerlichen Umständen zu den jugoslawischen Partisanen auf. Frei von trügerischen Illusionen beteiligten sie sich als anarchistisch-sozialistische “Brüdergemeinde” mit ihrer chirurgischen Mission im antifaschistischen Kampf: “Wir waren diszipliniert, wenn wir selber es für richtig hielten; jeder Befehl verletzte unsere Würde. Wir fühlten uns als Weltbürger, solidarisch mit allen, die unterdrückt und ausgebeutet werden. Deshalb war für uns jede Heimat zu eng und die Verpflichtung auf eine Linie eine Fessel” erinnerte sich Paul Parin 1991 in “Es ist Krieg und wir gehen hin” [Anmerkung Entdinglichung: sehr lesenswert!] an seine damaligen Motive – sein literarisches Erinnerungsbuch an seine Zeit bei den jugoslawischen Partisanen fand Anfang der 1990er Jahre eine breite Resonanz. Auf Vorschlag von Christa Wolf wurde es mit dem Erich Fried Literaturpreis ausgezeichnet.


In den 1970er und 80er Jahren publizierte Paul Parin, zum Teil gemeinsam mit Goldy Parin-Matthèy, zahlreichen psychoanalytisch-kulturkritischen Studien, versammelt in den Sammelbänden “Der Widerspruch im Subjekt” (1978) und “Subjekt im Widerspruch” (1986). Wo immer möglich und nötig mischte er sich fortan in den öffentlichen Diskurs ein, belebte diesen durch seinen unbestechlichen, analytisch geschärften Blick auf gesellschaftliche Gewaltverhältnisse, sowie mittels seiner beeindruckenden Sprachkraft. “Das Politische ist immer auch persönlich”, was gleichermaßen auch umgekehrt gilt, verdeutlichte Parin immer wieder – sehr zum Unwillen vieler seiner konservativen Berufskollegen, die nach der schwierigen gesellschaftlichen Etablierung der Psychoanalyse gar zu gerne das kulturkritische Erbe Freuds loszuwerden versuchten. Ganz im Sinne der aufklärerischen und kulturrevolutionären Tradition der Freudschen Psychoanalyse insistierte Paul Parin: “Die Vergangenheit versinkt, und Geschichtslosigkeit droht sich einzustellen, wo immer es Herrschaft und Beherrschte gibt. Ohne eine Kultur, die ihre Kritik gegen die Machtverhältnisse richtet, ist kein Fortschritt möglich”. Seine Position als kritischer Sozialist und “moralischer Anarchist” (Christa Wolf) brachte er mit den Worten Andrè Bretons zum Ausdruck: “Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung. Wir gehören ihr nur in dem Maße an, als wir uns gegen sie auflehnen”.“

Eine Antwort to “Paul Parin (1916-2009)”

  1. […] Jungclas, Willi Scherer, Karim Majiid, Mercedes Sosa, Upali Cooray, John Saville, Guillermo Lora, Paul Parin, Mario Benedetti, Augusto Boal, Hong Khoa Khoi, Abel Paz, Horst Stowasser, Yessie Macchie, Bob […]

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