Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

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Die RSO zu den Fraktionierungen in der österreichischen Fussballfan-Szene

Posted by entdinglichung - 5. September 2009

Die Revolutionär Sozialistische Organisation (RSO) aus Österreich [Nachtrag: und aus Zürich und Berlin] ist eine der wenigen revolutionären linken Organisationen weltweit, welche dafür bekannt ist, sich kompetent und kontinuierlich mit dem Themenfeld Fussball auseienander zu setzen, nachfolgend dokumentiert ein Artikel der GenossInnen der RSO zum Thema Fussballfans und Politik in der Alpenrepublik:

Österreich: Politisches Profil der Fußball-Fanszene

Geschrieben von Eric Wegner (RSO Wien Antirassismus-Gruppe)
Freitag, 04 September 2009

In der Qualifikation für die Champions League scheidet der österreichische Retortenverein Red Bull Salzburg hoch verdient gegen Maccabi Haifa aus. Beim Heimspiel in Salzburg kommt es zu massiven antisemitischen Tönen. Ein Anlass für uns, die heimische Fanszene einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wer nicht hüpft, der ist ein Jude“, skandierten AnhängerInnen von Red Bull immer wieder. Da diese Gesänge auch in der Fernsehübertragung deutlich zu hören waren, kann es sich nicht um eine kleine Gruppe gehandelt haben, sondern ist das Ganze wohl von den mit Megaphon ausgestatteten Vorsängern der Salzburger Fans ausgegangen und von einem erheblichen Teil der ZuschauerInnen mitgetragen worden. In Internet-Foren wird auch berichtet, dass Bullen-Fans „Judenschweine, Judenschweine…“ gerufen hätten.

Salzburg und Hütteldorf

Interessant an der Sache ist auch, dass diese Vorkommnisse von den etablierten Medien nahezu völlig totgeschwiegen wurden. Interessant auch im Vergleich zur tagelangen Empörung sämtlicher Zeitungen, als vor zwei Jahren die Rapid-Fanklubs bei einem Länderspiel in der Rapid-Heimstätte in Wien-Hütteldorf ein Transparent gegen den damaligen Kapitän des Nationalteams, Andreas Ivanschitz, der zuvor zum verhassten reichen Konkurrenten Red Bull gewechselt war, aufzogen – mit der Aufschrift „Judasschitz raus aus Hütteldorf“. Liberale Zeitungen legten diesen Satz als „antisemitisch“ aus. Die dafür verantwortlichen Ultras Rapid wehrten sich in einer Stellungnahme auf ihrer Homepage vehement gegen eine solche Interpretation und erklärten, sie hätten „Judas“ schlicht als Synonym für Verräter benutzt.

Dass damals von Zeitungen und ÖFB aufgeregt Repressionsmaßnahmen gegen die „Verrückten in Hütteldorf“ gefordert wurden, die völlig offenen antisemitischen Ausschreitungen in Salzburg aber sowohl von den Medien als auch von den Fußballoberen übergangen werden, ist natürlich kein Zufall. Die damalige Aktion der Rapid-Fans gegen Ivanschitz war verbunden mit Spruchbändern gegen die anstehenden Männerfußball-EM: Die Rapid-Fanklubs führten ihre „Scheiß EM 2008“-Kampagne und kritisierten „Kommerz und Repression für ein Event, das uns nicht interessiert und bei dem Österreich jedes Spiel verliert“. Das „unpatriotische Verhalten“ der Rapid-Fans war damals die wirkliche Zielscheibe der Kritik. Die sportnationalistisch erregte Journaille schrieb von der „Schande von Hütteldorf“, im Online-Forum des liberalen „Standard“ wurden die Rapid-AnhängerInnen als „Dreck“ und „primitive Proleten“ bezeichnet, die man für ihre Aktionen „ins Arbeitslager stecken“ solle (wir berichteten ). Der Antisemitismus-Vorwurf in derselben Zeitung war damals wohl im Wesentlichen ein Instrument für die elitäre und patriotische Klassenkritik am „Proletenklub“ Rapid.

Ganz anders bei Red Bull Salzburg, dem Klub des Dosen-Milliardärs Dietrich Mateschitz. Der Verein, der über die 3- bis 5-fachen Finanzmittel verfügt wie jeder seiner Hauptkonkurrenten, wird seit Jahren vom Fußballestablishment und seinen medialen TrittbrettfahrerInnen als Vorzeigeklub aufgebaut, der „für Österreich“ im Klubfußball endlich wieder Erfolge bringen soll. Schiedsrichter scheinen sich ihrer Verantwortung für dieses sportpatriotische Projekt (oder zumindest der Wünsche der ÖFB-Führung) immer wieder bewusst zu sein – ebenso wie der ORF: Als Otto Konrad, ehemaliger Salzburger Tormann, als ORF-Kommentator bei einem Spiel der Champions-League-Qualifikation für die miserable Leistung der Red-Bull-Millionentruppen deutliche Worte fand, wurde er vom ORF als Kommentator ausrangiert.

Bei der Übernahme durch Red Bull waren die jahrzehntelang gewachsenen Fanklubs der bisherigen Austria Salzburg aus dem Verein gedrängt worden (die den alten Verein seitdem in unteren Spielklassen weiterführen) (siehe dazu unseren Artikel „Roter Stier im Rinderwahn „). Mit viel finanzieller Unterstützung (Verteilung von Fähnchen, Subvention von Auswärtsfahrten etc.) baute die Red-Bull-Vereinsführung neue Fanklubs auf: Fanklubs, die völlig domestiziert, unkritisch und von der Vereinsführung abhängig sind und brav das Nationalteam unterstützen wie insbesondere die „Salzburg Patriots“. Von der Vereinsführung und ihren medialen Freunden wurde der Dosen-Klub, mit Verweis auf die „Randalierer“ anderer Vereine, stets als sauberer und moderner „Familienverein“ inszeniert. In der Nachspielzeit des Red-Bull-Heimspieles gegen Dynamo Zagreb wurde dann einem Linienrichter aus einem Salzburger Sektor heraus ein blutiges Cut über dem Auge geworfen (eigentlich abbruchreif, aber Red Bull hatte wieder mal „Glück“). Das führte damals ebenso wenig zu medialer Aufregung wie die durchs Stadion hallenden antisemitischen Gesänge ein paar Wochen später. Leicht vorzustellen, was in den selben Medien, die diese Vorfälle dezent übergehen, los wäre, wenn ähnliches bei Sturm Graz, Austria Wien oder Rapid passieren würde, wo es gewachsene, selbstorganisierte und nicht immer angepasste Fanszenen gibt: Da würde „härtestes Durchgreifen“ gefordert, um mit den „Hooligans“ endlich „aufzuräumen“.

Rechte Tendenzen in Fanklubs

Der weit verbreitete sportpatriotische Konsens, der besonders 2008 rund um die EM einen Höhepunkt erreichte und mit dem Desaster des Nationalteams dann jämmerlich versackte, fördert natürlich nationalistische und rassistische Tendenzen. Die gibt es nicht nur bei den „vorbildlichen“ Fans in Salzburg, die das Establishment so lieb hat, sondern auch bei etlichen anderen Fanklubs.

Beim GAK, dem bürgerlichen der beiden traditionellen Großklubs in Graz, der seit einigen Jahren nicht mehr in der Bundes-, sondern in der Regionalliga spielt, zogen Ende März 2009 einige Fans eine Nazifahne auf (weißer Kreis auf rotem Grund mit schwarzem Keltenkreuz in der Mitte; in Deutschland verboten). Weder Ordner noch Polizei haben darauf reagiert, obwohl sie darauf hingewiesen worden waren. Auch bei den Fanklubs der neu formierten Austria Salzburg, die drei Ligen unter Red Bull spielt, aber immer noch sehr viele Fans hat, gibt es erhebliche rechte und rechtsextreme Strömungen.

Ähnlich schlecht sieht es bei den beiden Bundesligaklubs aus Oberösterreich (SV Ried beziehungsweise LASK) aus. Bei der SV Ried glich der Stehplatz bis vor etwa zwei Jahren einem Neonazitreffen; Ausdruck der starken rechtsextremen Jugendszene im Innviertel. Seitdem soll sich die Lage etwas gebessert haben, es gibt auch einige linke Ried-Fans aus der lokalen Arbeiterjugend (z.B. die Glory Boys), aber es dominieren weiter die rechten und rechtsextremen Fangruppen; in der Frühjahrsaison 2009 soll gar eine Fahne mit dem NS-Luftwaffenkreuz angebracht worden sein.

Anfang März skandierten LASK-Fans beim Auswärtsspiel gegen den FK Austria Wien im Horr-Stadion „Juden Wien, Juden Wien“ – antisemitische Anspielungen darauf, dass Austria Wien bis 1938 ein Verein war, in dem das jüdische Bürgertum Wiens eine wichtige Rolle spielte. Auch wenn sich einige LASK-Fans gegen die rassistischen Schreihälse gestellt haben sollen, so spielen rechtsextreme Fangruppen beim LASK seit Jahren eine prägende Rolle, was in einschlägig gestalteten Transparenten zum Ausdruck kommt. Und bereits bei früheren Gelegenheiten wurde die Austria Wien von LASK-AnhängerInnen antisemitisch beschimpft. So präsentierten sie im Juli 2007 im Horr-Stadion ein Transparent mit der Aufschrift „Schalom“; begleitet war das von Gesängen „Ihr seid nur ein – Judenverein“. Und die Bundesliga-Disziplinarkommission konnte damals keinen Antisemitismus erkennen!

Austria Wien, der ehemalige Klub des jüdischen Bürgertums, der freilich auch immer eine proletarische AnhängerInnenschaft (besonders unter tschechischstämmigen ArbeiterInnen in Wien-Favoriten) hatte, blieb auch nach 1945 der bürgerliche Klub Wiens (neben Vienna FC). Das drückte sich im Vorstand aus, in dem traditionell Funktionäre des ÖVP-Wirtschaftsbundes saßen. 1999 wurde die Austria dann von Frank Stronach, dem Besitzer des Magna-Konzerns übernommen, der ein ähnliches Projekt verfolgte wie Mateschitz mit Salzburg und dabei auch auf großen Widerstand der Fanszene stieß. Nach wiederholten Fanprotesten wie einem Tribünenboykott oder ähnlichem kündigte Stronach 2005 schließlich an, sich schrittweise aus dem Verein zurückzuziehen. In den letzten Jahren spielten auch sozialdemokratische Spitzen wie der GPA-Vorsitzende Wolfgang Katzian oder Bürgermeister Michael Häupl für die Austria eine Rolle.

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