Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Kommunistischer Bund (KB): Wem nützen die Bomben bei Springer? (1972)

Posted by entdinglichung - 27. Mai 2010

Wem nützen die Bomben bei Springer? (pdf-Datei, 225 kb), ein Flugblatt des Kommunistischen Bundes (KB) vom 25. Mai 1972 zu dem Anschlag der RAF auf das Springerhochhaus in Hamburg vom 19. Mai 1972, bei welchem 17 Menschen verletzt wurden. Der KB verurteilte den Anschlag scharf als gegen nicht gegen den Axel-Springer-Verlag sondern gegen die ArbeiterInnen des Springerkonzerns gerichtete Aktion, welche nicht von Linken stammen könne und nur der Rechten und dem Kapital nütze, ein Vergleich wird u.a. mit der Strategie der Spannung in Italien gezogen.

Ein Flugblatt des KB zu den wenig später erfolgten Bombendrohungen in Stuttgart (welche bis heute nicht aufgeklärt sind) kann mensch hier finden.

4 Antworten to “Kommunistischer Bund (KB): Wem nützen die Bomben bei Springer? (1972)”

  1. machnow said

    war mir gar nicht bekannt, daß schon so früh in dtl. über die „strategie der spannung“ reflektiert wurde. interessant. von dem ist aber heute (leider) wenig übrige geblieben…

    • der KB war da auf Grund seiner guten Kontakte zu Lotta Continua, die eine wichtige Rolle bei der Gegeninformationskampagne zum Piazza Fontana-Anschlag und zur Ermordung von Giuseppe Pinelli gespielt hatten, relativ gut informiert

  2. W.M. said

    Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der „Neuen Linken“ in der Alt-BRD

    Der KB und die Bomben bei Springer

    Am 19. Mai 1972 wurde auf das Verlagshaus des Axel Springer Konzerns in der Hamburger City ein Bombenanschlag verübt, bei dem mehrere Arbeiter des Verlages zum Teil erheblich verletzt wurden. Die Bomben waren in den Produktionsanlagen platziert und nur teilweise zur Entzündung gelangt. Die Aufregung und Empörung über diesen Anschlag, in der Stadt, aber auch im gesamten Land, war natürlich riesengroß.

    Der KB (Kommunistischer Bund**), der in jener Zeit mit einer „Betriebszelle“ im Springer-Verlag linke Gewerkschaftspolitik betrieb und auch im Betriebsrat des Hauses vertreten war, antwortete auf den Anschlag mit einem Massenflugblatt, dass unter der Überschrift: „Wem nützen die Bomben bei Springer?“, am 25.05.1972 in einer Auflage von 94 000 Stück verbreitet wurde. An allen großen Bahnhöfen der Hamburger Innenstadt, vor Großbetrieben, im Hafen, an den Werften, sowie Schulen, Unis und anderen Einrichtungen wurde es verteilt, was damals schon unter organisatorischen und logistischen Gesichtspunkten ungewöhnlich und eine außerordentliche Leistung war.

    Pünktlich, zum 38. Jahrestag der Wiederkehr dieses Ereignisses, wurde mir eine Kopie des Flugblatts zugeschickt, um an eine der „Glanzleistungen“ des KB zu erinnern. Ich kann diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, ohne sie nicht durch einen eigenen Kommentar anzureichern:

    In der Tat markiert dieses Flugblatt einen der Wendepunkte in der Entwicklung der Organisation, die in bestimmten – inzwischen – altlinken Kreisen noch heute gern als die „etwas bessere K-Gruppe“ („die Einäugigen unter den Blinden“ oder „das Trüffelschwein“) gelobt wird, während einige ihrer Kader mittlerweile im parlamentarischen Betrieb als Minister oder Abgeordnete ihren Platz gefunden haben oder auf dem Feld des Journalismus als „Verschwörungstheoretiker“ ihrer Leidenschaft frönen, wenn sie nicht als Privatiers im wohlverdienten „Revoluzzerruhestand“ ihr Dasein fristen.

    Wer sich heute kritisch mit dem Zustand linker Politik in diesem Land auseinandersetzt und dabei den Anteil untersucht, der sich aus der Geschichte der „Westlinken“ ergibt, findet in dem KB-Flugblatt entscheidende Konstruktionen aus Elementen und Denkfiguren, die für mehr als ein Jahrzehnt prägend für das Bewusstsein der BRD-Linken bleiben sollten und bis in die Gegenwart hinein nachwirken. Der folgende Text soll einen Beitrag zur erfolgreichen Spurensuche linken Klischeedenkens leisten, um es zu überwinden.

    Cui Bono?

    So richtig es war, unter der Fragestellung „Cui Bono?“, den Sinn oder Unsinn so einer Aktion, wie es die Bombenanschläge auf den Springer-Konzern waren, zu hinterfragen, so falsch war es, von vornherein kategorisch auszuschließen, dass linke Bombenleger für diese Tat verantwortlich sein könnten. Im KB-Flugblatt hieß es dazu: „Diese Annahme halten wir für absurd.“

    Bereits am 20. Mai, also einen Tag nach den Bombenanschlägen und 5 Tage vor dem Erscheinungsdatum des KB-Flugblatts, hatte ein „Kommando 2.Juni“ in einer öffentlichen Erklärung die Verantwortung für die Bomben bei Springer übernommen. In der Erklärung hieß es: „Wir fordern von Springer: dass seine Zeitungen die antikommunistische Hetze gegen die Neue Linke, gegen solidarische Aktionen der Arbeiterklasse wie Streiks, gegen die kommunistischen Parteien hier und in anderen Ländern einstellen; dass der Springerkonzern die Hetze gegen die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt einstellt, besonders gegen die arabischen Völker, die für die Befreiung Palästinas kämpfen; dass er seine propagandistische und materielle Unterstützung für den Zionismus – die imperialistische Politik der herrschenden Klasse Israels einstellt; dass die Springerpresse aufhört, über die ausländischen Arbeiter hier rassistische Lügenberichte zu verbreiten. Wir verlangen, dass die Springerpresse diese Erklärung abdruckt. Wir verlangen nichts Unmögliches. Wir werden unsere Aktionen gegen die Feinde des Volkes erst einstellen, wenn unsere Forderungen erfüllt sind. Enteignet Springer! Enteignet die Feinde des Volkes!“

    Es muss davon ausgegangen werden, dass diese Erklärung zumindest den Verfassern des KB-Flugblatts bekannt gewesen ist, auch wenn die Springerpresse sie natürlich nicht abgedruckt hatte. Spätestens das Flugblatt einer weiteren linken Organisation („Proletarische Front“), das als Reaktion auf die KB-Erklärung im Hamburger Hafen verteilt wurde und sich im Wesentlichen an der Erklärung vom 20.05. orientierte, beseitigte bei mir und all jenen, die es damals wissen wollten, letzte Zweifel an der linken Urheberschaft der Bomben im Springerhaus. Die Darstellung des KB wurde dort scharf als „Counterinsurgency“ und „Staatsschutzpropaganda“ zurückgewiesen.

    Heute, fast vierzig Jahre später, wissen wir, dass Teile der RAF bereits seinerzeit die Aktion gegen den Springer-Verlag unmissverständlich verurteilt haben. Andreas Baader sei vor Wut außer sich gewesen und der selbsternannte „RAF-Experte“ Stefan Aust operiert öffentlich mit illegal abgehörten Tonbandschnipseln aus dem Stammheimer Hochsicherheitstrakt, aus denen hervorgeht, dass sich Gudrun Ensslin eindeutig vom Vorgehen der Hamburger Gruppe distanziert hatte. Dabei spielte wohl weniger die politische Implikation eine Rolle, als die Tatsache, dass bei den Anschlägen Arbeiter des Verlages, z.T. schwer verletzt wurden, was dem Ansehen der Gruppe, zumal bei Linken, in der damaligen Situation, schweren Schaden zufügte und damit die Aktion, im Sinne der Gruppe, strategisch kontraproduktiv war.

    Unbestreitbar bleibt dennoch die Tatsache, dass die Aktion im Springerhaus auf das Konto einer Gruppierung ging, die sich aus dem Zerfall der „68er-Bewegung“ im Rahmen der Neuen Linken als Teil der RAF gebildet hatte. Es waren also LINKE, die „im Namen der Arbeiterklasse, des Antiimperialismus und des Antizionismus“ in den Produktionsstätten des Springer-Konzerns Bomben platzierten, sie zur Detonation brachten und weitere Anschläge androhten, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Sie bezogen sich explizit auf die Anti-Springer-Kampagne der späten 60er Jahre, als deren Vollstrecker sie sich verstanden, wie es aus einer bereits im April 1972 verbreiteten RAF-Erklärung unter dem viel sagenden Titel „Dem Volk dienen – Stadtguerilla und Klassenkampf“ eindeutig hervorging. Der „Zionistenfreund“ und „Volksfeind“ Axel Springer sollte nach deren Willen enteignet werden. Was mit dessen Eigentum zu geschehen hatte, wurde nicht klar benannt. Der Begriff „Arisierung“ galt in jener Zeit als schwer belastet und war aus der Mode gekommen, so dass wohl eher an eine Form von „Vergesellschaftung“ gedacht war.

    Kein Thema für den KB

    All das, was mit der Aktion des „Kommando 2. Juni“, im Namen linker Politik offen zu Tage trat, und kritische Fragen, auch im Hinblick auf linke Kampagnen der vergangenen Jahre zwingend auf die Tagesordnung setzte, interessierte seinerzeit den KB jedoch überhaupt nicht. Für ihn war die Vorstellung, dass LINKE so etwas tun könnten „absurd“. Jeder Zusammenhang mit Vorstellungen und Aktionsformen, wie sie in der damaligen linken Bewegung weit verbreitet waren, wurde strikt geleugnet. Stattdessen verbreitete er massenhaft die Legende von einer gigantischen Verschwörung eines ominösen Rechtsblocks, bzw. Rechtskartells, das, angeführt von Strauß und Springer, sich mit Hilfe einer „Strategie der Spannungen“ den Weg zur Macht ebnen wollte. In ausführlichen Einlassungen verwies er auf italienische Erfahrungen, die derartige Schlussfolgerungen geboten erscheinen ließen.

    Auch in nachfolgenden Veröffentlichungen des KB wurde darauf beharrt: „Wer die Bomben bei Springer gelegt hat, ist zur Zeit noch ungeklärt.“ („Arbeiterkampf“ Nr.19/Juni 1972). Zwar wurden jetzt auch andere Möglichkeiten eingeräumt: „Es ist nicht auszuschließen, dass es tatsächlich Leute waren, die zum Kreis der so genannten ‚Baader-Meinhof-Gruppe’ gehören oder die sich deren Ideen verbunden fühlen.“ Doch auch für diesen Fall „bleibt die Tatsache, dass ein solches Vorgehen auch bei größtem Verständnis (!) nicht mehr als Ausdruck einer den Arbeiterinteressen dienenden Politik zu interpretieren ist.“ – „Auf jeden Fall haben die Bomben bei Springer den Kapitalisten nicht geschadet, sondern haben ihnen sogar einen Riesengefallen (!) getan.“ (Ausrufezeichen von mir.)

    Interessant an dieser Passage ist die Verschiebung von der mit Gewissheit vorgetragenen Leugnung („absurd“), über „es könnte sein dass, …“, zu „aber das habe dann mit linker Politik nichts mehr zu tun“. Ein Muster, dass gerade in der jüngsten Vergangenheit im Zusammenhang mit antisemitischen/antizionistischen Vorfällen in Hamburg immer noch hoch aktuell ist. So stiehlt sich jemand aus der Verantwortung.

    Warum tat sich der KB so schwer, einfache Tatsachen anzuerkennen? – Vordergründig mag für die KB-Führung wohl das Bedürfnis eine Rolle gespielt haben, rechtzeitig den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, in einer Zeit, da die RAF ihre „Mai-Offensive“, mit Bombenanschlägen gegen amerikanische Einrichtungen in Frankfurt und Heidelberg, sowie Bundesbehörden in verschiedenen anderen Städten, eröffnet hatte, in deren Zusammenhang auch die Springer-Bomben zu sehen sind. Es war klar, dass scharfe staatliche Reaktionen zu erwarten waren, mit Großfahndungen, Haussuchungen, Verhaftungen und dem Versuch, durch massive Hetzkampagnen die gesamte Linke politisch zu isolieren. Der damalige BRD-Innenminister Genscher formulierte im Bundestag die Strategie der Bundesregierung mit Hilfe eines Zitats von Mao Tse Tung: „Die Guerilla muss im Volk schwimmen, wie der Fisch im Wasser!“. Wenn dem so sei, so Genscher dann müsste eben das Wasser abgelassen werden. Was in seiner Logik bedeutete, das linke Umfeld muss bekämpft werden, um die Guerilla zu isolieren, oder wie es dann aus allen Kanälen tönte: Es gelte, den linken Sympathisantensumpf trocken zu legen.

    Da war es verständlich, wenn linke Organisationen und Einzelpersonen, die jetzt ins öffentliche Visier gelangten, bemüht waren, sich aus der Schusslinie zu ziehen. Doch dazu hätte eine einfache Distanzierung des KB von den Bombenanschlägen völlig ausgereicht, wie sie von den meisten anderen „K-Gruppen“ damals – mit Einschränkungen – veröffentlicht wurden. So wurden beispielsweise die Anschläge auf US-Einrichtungen in Heidelberg und Frankfurt von einigen Gruppen als willkommene „Beiträge zum antiimperialistischen Kampf“ und insbesondere zur „Unterstützung des Kampfes des vietnamesischen Volkes“ begrüßt, während andere Anschläge als „individueller Terror“ verurteilt wurden. Der Bombenanschlag auf das Springer-Haus galt allen mir bekannten Gruppen als „gegen die Interessen der Arbeiterklasse gerichtet“ – und damit verurteilungswürdig.

    Flucht nach vorn als Abwehrstrategie

    Der Weg den der KB einschlug, war von einem anderen Kaliber, als die lauen Erklärungen jener Gruppen, die behaupteten, doch schon immer, wie bereits der große Lenin, vor dem Weg des „individuellen Terrors“ gewarnt zu haben. Mit seinen als Massenflugblatt verbreiteten abenteuerlichen Verschwörungstheorien, trat er jetzt, in mehrfacher Hinsicht, die Flucht nach vorn an. So konnte zum Einen eine Debatte über das eigentliche Ereignis und seine Konsequenzen für linke Politik in diesem Land abgewendet werden. Zum anderen forcierte er damit eine Entsolidarisierung der linken Szene, die entsprechend der KB-Logik verdächtig war, zum Spielball von Geheimdiensten und putschistischer Kräfte geworden zu sein (ausgenommen die eigene Organisation, aber das versteht sich schon von selbst).

    Das ganze Feld wurde jetzt Teil der „Theoriebildung“ auf dem die berühmt/berüchtigten „Faschismustheorien“ des KB wucherten, für die er von den einen noch heute gelobt und bewundert, von anderen tief verachtet wird und die rudimentär bis in die Gegenwart in der linken Szene herumspuken. Dabei konnte er sich zu Nutze machen, dass bereits die „68er-Bewegung“ mit dem Begriff des Faschismus eher arglos umgegangen ist und dabei, insbesondere wenn es um den „neuen Faschismus“ ging, den sie entdeckt zu haben glaubte, ziemlich paranoide Weltbilder offenbarte (siehe Krahl, u.a.). Kennzeichnend und problematisch zugleich, war der Versuch, jede konkrete Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu vermeiden, während der Kern ihrer Faschismus-Theorien kaum über Dimitroff hinausreichte.

    Ganz dieser Tradition verhaftet, bildete auch beim KB der Bezug auf die italienischen Erfahrungen mit der „Strategie der Spannungen“ den zentralen Baustein für die These von der „schrittweisen Faschisierung von Staat und Gesellschaft“, die präventiv vollzogen würde, die nachfolgende Veröffentlichungen in epischer Breite durchziehen sollte. Jedes gesellschaftliche Ereignis wurde an dieser Elle gemessen, ob Rasterfahndung, Berufsverbote, Gerichtsurteile oder Hahnenkämpfe bei öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten. Und das schöne war: Es passte immer. Alles was in diesem Land geschah, war immer Ausdruck einer schleichenden Faschisierung. Ein Allheilmittel oder die „Wunderwaffe“. Und wer das nicht so sehen wollte oder konnte, der hatte das eben einfach noch nicht so „richtig getickt“, war „auf’m falschen Trip“, wie die anderen doofen MLer von der Konkurrenz.

    So konnte auch weiterhin vermieden werden, über den wirklichen Nationalsozialismus, Arbeiterkult, Arbeitsfront, Zwangsarbeit, den Antisemitismus, Arisierung, Zionismus und Antizionismus und deren Folgen und Erscheinungsformen in der Gegenwart und schließlich Auschwitz, nicht als Metapher, sondern als wirkliches Ereignis zu reden. Der Überfall auf die Sowjetunion, die Verbrechen der Wehrmacht insbesondere in Osteuropa, die „Entjudung“ ganzer Länder – alles das waren nicht die Themen, die geeignet erschienen die Auflage der Publikationen zu steigern – aber wilde Geheimdienstverschwörungen in Italien, das kommt an! Dafür findet sich immer ein Publikum!

    Schulterschluss mit der SPD

    So gelang es dem KB, auf einem wichtigen Feld linker Politik, die Meinungsführerschaft über einen erheblichen Teil der Neuen Linken an sich zu ziehen. Dazu kommt ein weiterer Aspekt der praktischen Politik. Hielten es die meisten Gruppen der Neuen Linken für überflüssig, sich mit den parlamentarischen Mätzchen auseinander zu setzen, da, nach weit verbreiteter Meinung, die Politiker eh’ nur „Charaktermasken“ des Kapital seien, ging der KB mit dem Flugblatt zu den Springer-Bomben erstmalig dazu über, zur Verteidigung der SPD/FDP-Regierung gegen die Machtbestrebungen der CDU/CSU zu mobilisieren. Das waren in der Tat ganz neue Töne.

    War es bis dahin vor allem die DKP, die allen links von ihr agierenden politischen Strömungen vorwarf, sie würden in Wahrheit nur dem „Rechtskartell“ nützen, wenn sie nicht direkte Handlanger von Springer und Strauß seien („CSU/ML“), so hatte der KB jetzt einen Dreh gefunden, der es ihm erlaubte, wesentlich differenzierter auf die Bewusstseinslage der damaligen linken Szene einzuwirken, um letztlich zu den gleichen Resultaten zu gelangen. Die Arbeiterbewegung sei schwach und in der Defensive, die Gefahr drohe von rechts und jede linke Politik, die auf Zuspitzung und Verschärfung der Widersprüche setze, würde nur dem Rechtsblock nützen. Daher dürfe linke Politik nur reaktiv sein und müsste alle linken Kräfte zur Unterstützung der damaligen SPD/FDP-Regierung mobilisieren, um sie vor einem Rechtsputsch zu schützen.

    O-Ton KB: „Worum geht es dem Großkapital in der gegenwärtigen Situation? Die SPD/FDP-Regierung soll kurzfristig zu immer härteren und weitgehenderen Maßnahmen vor allem gegen Kommunisten veranlasst werden. Langfristig aber geht es darum, die SPD überhaupt von der Regierung abzulösen und einen Rechtsruck zu ermöglichen.“ – Dagegen galt es nach Meinung der KB-Führer, „wachsam auf dem Posten zu sein, so wie es die Arbeiter gegenüber der versuchten Machtergreifung der CDU/CSU vor vier Wochen waren.“*

    Abgesehen von der grandiosen Fehleinschätzung der Strategie des „Großkapitals“ (?), diente dieses 100000fach verbreitete bizarre Zerrbild der Wirklichkeit den KB-Führern, um einen entscheidenden Strategie-Wechsel ihrer Organisation bei Anhängern und Mitgliedern durchzusetzen. Es war der offene Versuch, sich bei der SPD anzubiedern, womit der Weg für eine Wahlempfehlung für die SPD, bei der kommenden Bundestagswahl geebnet wurde. Aber wie jede Lumperei, hatte auch diese ihren Preis. Die bisherigen Freunde mussten jetzt dran glauben und wurden der SPD zum Fraß vorgeworfen. Aus Bündnispartnern und Genossen vergangener Zeiten, die den „Erkenntnissen“ der KB-Führer nicht folgen wollten, wurden von Fall zu Fall „blinde Sektierer“ oder „ML-Idioten“, die kübelweise mit Hohn und Spott überzogen werden durften, wenn sie nicht gleich im Verdacht standen, faschistische Provokateure zu sein, die willkürlich „ein Blutbad unter Arbeitern anrichten“.

    Die „Strategie der Spannungen“

    Doch was war nun wirklich dran, an dem viel zitierten „italienischen Beispiel“, auf das sich der KB sowohl im Flugblatt, als auch in späteren Veröffentlichungen, immer wieder bezog, um seinen Kursschwenk zu rechtfertigen? Die ungeheuerliche Behauptung lautete schließlich, in der BRD gäbe es Kräfte, die nach italienischem Vorbild, eine „Strategie der Spannungen“ verfolgten, was besagte, dass durch Bombenanschläge und andere terroristische Aktivitäten paramilitärischer und faschistischer Banden in der Bevölkerung ein Klima von Angst und Panik erzeugt werden sollte, um so einen faschistischen Militärputsch herbeizuführen.

    Im Italien der späten 60er und 70er Jahre gab es tatsächlich in führenden Kreisen des italienischen Militärs, in Verbindung mit geheimdienstlichen Kreisen, solche Bestrebungen, die zeitweilig sowohl links-, als auch rechtsradikale Bewegungen und deren mörderische Anschläge für ihre Ziele instrumentierten. Das musste jedoch unter den ganz besonderen italienischen Verhältnissen gesehen werden. Eine einfache Übertragung dieser Verhältnisse auf unser, oder jedes andere beliebige Land, widerspricht einer materialistischen Geschichtsauffassung, und war schon aus diesem Grund unzulässig.

    Neben den globalen Konflikten jener Zeit, die vor allem durch den „Kalten Krieg“ einerseits und das Anwachsen der „antiimperialistischen“ und „antikolonialen Befreiungsbewegungen“ andererseits geprägt waren, gab es in Italien eine Reihe grundlegender Widersprüche die einer Lösung entgegen strebten. Scharfe Klassengegensätze, Ungleichgewichte zwischen den Regionen, Unterentwicklung und Massenarmut im Süden, Wanderarbeiter, sowie damit verbundene unterschiedlichste kulturelle Ansprüche, Traditionen und Bindungen, sei es an Kirche und Staat, Parteien oder Familie. Dazu mit einer Geschichte als einstige faschistische Kolonial- und Großmacht ausgestattet, die jetzt von ihrer ehemaligen Größe abgeschnitten, auf eine Rolle als NATO-Frontstaat im Mittelmeerraum reduziert war.

    Das Bewusstsein, das sich auf dem Boden dieser und weiterer Widersprüche abbildete und die Konflikte, die sich daraus ergaben, schufen erst die Voraussetzungen, unter denen sich so etwas wie eine „Strategie der Spannungen“ entwickeln konnte. Sie war Teil einer scharf geführten Auseinandersetzung um das grundlegende strategische Konzept zur Lösung der hier nur grob skizzierten Widersprüche des Landes (Stichworte: Kommunismus, Autonomismus, Faschismus oder „historischer Kompromiss“). Heute lässt sich sagen, dass die am „historischen Kompromiss“ orientierte Variante, die seinerzeit dem Vorsitzenden der CD, Aldo Moro, das Leben gekostet hat, sich in Italien durchsetzen konnte. Allerdings für den Preis, der Auflösung der Parteien, die in den 70er Jahren als die Hauptprotagonisten dieses Lösungsansatzes, galten. So dumm kann Geschichte manchmal laufen.

    Modernisierungsschub und Modernisierungsängste in der BRD

    Ganz anders dagegen – war die Lage hier in der BRD zum Beginn der 70er Jahre vergleichsweise überschaubar. Seit geraumer Zeit waren sich die in der BRD herrschenden Eliten darüber einig, dass eine neue strategische Orientierung, sowohl in Richtung Osten, als auch im Raum des Nahen und Mittleren Ostens, sowie der so genannten „Dritten Welt“ notwendig war, um aus der Sackgasse heraus zu gelangen, in die sie nach 20-jähriger CDU-Herrschaft geraten waren. (Mauerbau, Hallsteindoktrin, globale „Entspannung“). Das wiederum setzte bestimmte innenpolitische Reformen und Veränderungen voraus, ohne die eine Weiterentwicklung des „Modell Deutschland“ nicht möglich war (Notstandsgesetze, Hochschulreform, Lockerung des KPD-Verbots, etc.)

    Die große innenpolitische Auseinandersetzung drehte sich daher genau um diese Fragen, die u.a. mit der „neuen Ostpolitik“ (Anerkennung der DDR, Verträge von Warschau und Moskau, KSZE/“Helsinki-Prozess“) verbunden waren. In diesem Zusammenhang spielte es eine Rolle, ob und in welchem Umfang das KPD-Verbot aufgehoben/bzw. gelockert und antikommunistische Feindbilder runtergefahren werden mussten, was erst die DKP und K-Gruppen-Milieus ermöglichte, in denen auch der KB seine Blüten trieb. All diese Auseinandersetzungen spielten sich im Wesentlichen im parlamentarischen Rahmen und den einschlägigen Institutionen ab. Auch die so genannte „APO“ (Außerparlamentarische Opposition), bildete für diesen Prozess einen – nicht unerheblichen – Katalysator. Für den Bestand des BRD-Systems war sie jedoch zu keiner Zeit eine ernsthafte Bedrohung. Ebenso wenig wie der Altherrenverein der NPD, der zwar zeitweilig erhebliche Stimmenzuwächse verzeichnen und in einzelne Landesparlamente einziehen konnte, aber letztlich ohne bedeutenden Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung blieb.

    Daher gibt es auch bis heute keinerlei Anzeichen oder Belege für Bestrebungen in den Stäben der bundesdeutschen Geheimdienste, der Polizei oder BW-Führung, die auf konspirative Putschpläne oder eine „Strategie der Spannungen“ hinweisen. Bei der guten Arbeit der Auslandsaufklärung des MfS, insbesondere auf westdeutschem Boden, wäre das wohl auch kaum lange geheim zu halten gewesen. Die Rechtsputsch-These war ein reines Phantasie-Produkt der KB-Führer. Ihre Verwendung war ausschließlich instrumentell.

    Das Problem, das sich für den Staat daraus ergab, war ein anderes. Es hat mit der Legitimität des Staates und seiner Maßnahmen zu tun. Der damalige Hamburger Innensenator Ruhnau (SPD) stellte es in einer Bürgerschaftsdebatte um die Vorgänge folgendermaßen dar: „Gegenwärtig geht die Legende um, die Bomben würden vom Verfassungsschutz gelegt. Das kann man nicht einfach als Geschrei von Irren abtun, wenn man bedenkt, dass zu einer Veranstaltung 800 junge Menschen kommen, die das glauben und (zu diesen Thesen) frenetisch Beifall klatschen.“ – Er bezog sich damit auf die Veranstaltung, zu der der KB mit seinem Flugblatt aufgerufen hatte und die sich eines großen Zuspruchs erfreute.

    Die Verschwörungstheorie des KB konnte ja nur deswegen zünden, weil es ein verbreitetes Bewusstsein darüber gab, dass es auch so gewesen sein könnte, dass staatliche Organe oder geheim operierende Banden im Bündnis mit staatlichen Stellen Terroranschläge durchführen würden, um so Angst und Unsicherheit zu verbreiten, die dann wiederum in politisches Handeln umgesetzt werden könnten. Das entsprach sicher nicht der Meinung der Mehrheit dieses Landes, aber offensichtlich gab es starke Minderheiten in der BRD-Bevölkerung, die bereit waren, so etwas zu glauben. –

    „DENEN ist alles zuzutrauen!“, war eine weit verbreitete Meinung. Doch wäre es nicht, gerade aus den Erfahrungen der deutschen Geschichte heraus, angesagt gewesen, inne zu halten und hellhörig zu werden, wenn diffuse, anonyme Mächte beschworen werden, die nur Böses im Schilde führten und denen daher alles zuzutrauen sei? Anstatt sich kritisch mit der Fragestellung zu befassen, wo solche Massenphänomene ihre Ursachen haben und welche Gefahren sie, gerade aus der Sichtweise linker Politik in sich bergen, gab der KB dem Affen erst noch einmal richtig Zucker und führte in einer abenteuerlichen Zusammenstellung präzise aus, wen er mit den Kräften des Bösen genau meinte, „diejenigen, die die KZ’s errichten ließen, die die Bomben auf Dresden, auf Hiroshima werfen ließen, die heute ein mörderisches Bombardement gegen Vietnam richten.“ (AK Nr.19/Juni 1972). – Als handelte es sich immer um die gleichen Verantwortlichen („die Imperialisten“, wie es im AK dann hieß).

    Vom heimeligen Herd in die kalte Welt

    Das weit verbreitete Unbehagen in der BRD-Gesellschaft der späten 60er Jahre und die damit verbundenen Ängste, schuf den Resonanzboden, der die verbreitete Aufnahmebereitschaft solcher Verschwörungstheorien ermöglichte, wie sie vom KB in die Welt gesetzt wurden. Dieses Unbehagen rührte daher, das mit dem Ende der Phase des Wiederaufbaus und der Restauration, die BRD aus dem Winkel ihres Nischendaseins in der Weltgeschichte heraus musste, um sich den realen Entwicklungen, wie sie sich in der Welt seit 1945 gestaltet hatten, zu stellen. War beispielsweise bis dahin in allen deutschen Schulbüchern und Atlanten von der Stadt „Königsberg“ die Rede, die z.Zt. unter sowjetischer Verwaltung stünde, so hatten die Bundesbürger jetzt zu lernen, dass diese Stadt unwiderruflich Kaliningrad heißt und auch die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze zu Polen gehörten und östlich der Elbe ein souveräner Staat mit dem Namen DDR entstanden war der keine „Zone“ mehr war, die man hier in gestrichelten Grenzen zu zeichnen hatte. Zuwiderhandlungen wurden bis dahin in der BRD streng bestraft!

    Auch die Rolle der Frauen unterlag in der BRD-Gesellschaft einer raschen Veränderung, die, insbesondere in der Männerwelt, eine starke Verunsicherung schuf. Der Prototyp des „Heimchens am Herd“ aus der Adenauer-Ära hatte ausgedient. Gefragt war jetzt die selbstbewusste Frau, mit gleichen Chancen und gleichen Rechten, wie sie in den realsozialistischen Gesellschaften Osteuropas und Asiens, aber auch in Ländern der „3.Welt“ zunehmend in der Produktion, Verwaltung und Leitung der Gesellschaft oder als Kämpferin um Befreiung ihren Platz einnahm.*

    Aber auch andere internationale Entwicklungen und Konflikte, denen in der selbstbezogenen Atmosphäre des Wiederaufbaus wenig Beachtung geschenkt wurden, drängten nun ins Bewusstsein der BRD-Bevölkerung und bewirkten eine starke Verunsicherung, die eine rasche politische Radikalisierung, besonders bei der Jugend beförderte. Der Vietnamkrieg an erster Stelle, aber auch der offene Konflikt im Nahen Osten, zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, erforderten eine klare Haltung, nicht nur bei den herrschen Eliten, sondern auch bei der Bevölkerung. Ein Ausweichen gab es jetzt nicht mehr. So hatte beispielsweise der 1969 aus dem Amt ausgeschiedene BND-Präsident und ehemalige Nazi-General Gehlen öffentlich beklagt, dass der BRD im Nahen Osten aus historischen Gründen die Hände gebunden seien, während ihre Interessen, aus seiner Sicht, eine stärkere Anbindung an die arabische Welt verlangten, was mit der engen Bindung an Israel nicht vereinbar sei.

    In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass dem Bombenanschlag auf das Springer-Haus bereits im Februar 1972 ein Anschlag auf einen Hamburger Industriebetrieb voraus ging. Am 8.2.1972 explodierte nachts im Gebäude der Strüver KG eine Bombe. Sie richtete erheblichen Sachschaden an. Der Anschlag wurde am darauf folgenden Tag in den Schlagzeilen der Presse als Werk der „Baader/Meinhof-Bande“ groß aufgemacht, war dann jedoch auch ganz schnell wieder aus dem öffentlichen Interesse verschwunden. Die DKP, die bei der Firma Strüver eine Betriebsgruppe hatte, verurteilte in ihren Betriebszeitungen die Tat, als das Werk „anarchistischer Provokateure“, die mit der Arbeiterklasse nichts zu tun hätten und in Wahrheit nur den Rechtskräften um Strauß und Springer nützen würden. Später stellte sich heraus, dass dies der erste Anschlag einer Gruppe war, die zum palästinensischen „Schwarzen September“ gehörte. Sie begründete ihren Anschlag mit der Behauptung, bei der Strüver KG würden elektronische Bauteile für Israel gefertigt, die für die israelische Armee von Bedeutung wären.

    Dieses Beispiel zeigt anschaulich, wie jetzt Kriege, die sich bislang scheinbar in weiter Ferne, in diesem Fall im Nahen Osten abspielten, plötzlich mitten in unseren Städten ausgetragen wurden. Die BRD war jetzt, wie andere westeuropäische Staaten auch, zu einem Kampfplatz geworden, auf dem auch die internationalen Konflikte ausgetragen wurden. Daher galt es auch für Linke, sich in diesen Konflikten klar zu positionieren. Am KB-Flugblatt zeigte sich daher auch die völlige Überforderung der Salon-Linken, die es bis dahin versäumt hatte, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Während ein Teil der Neuen Linken in seiner Haltung eindeutig war, indem er eine Art Waffenbrüderschaft mit der arabisch-palästinensischen Welt einging, verhielt sich der andere/größere Teil in diesem, wie anderen internationalen Konflikten eher indifferent. Man fühlte natürlich sehr solidarisch mit den „Leiden des vietnamesischen Volkes“ und auch der vielen anderen „unterdrückten Völker“, schwafelte vom „Sieg im Volkskrieg“, – aber zunächst galt es doch mal, den Arbeiterinnen und Arbeitern hier zu ihrem Recht zu verhelfen. Es war dann doch mehr eine Art Caritas-Internationalismus, der bei der Mehrheitslinken gepflegt wurde.

    Die Schwierigkeiten, wie sie dieser Haltung entspringen, enthüllt anschaulich das „Bomben“-Flugblatt des KB. Das blutige Massaker des „Schwarzen September“ in München, das dann ein halbes Jahr später die Welt erschüttern sollte, brachte dann vollends den makaberen Kern dieser geschichtsblinden Haltung zum Vorschein. Da war mit dem Geflecht von Lüge, Abwehr, Ausflucht und Schuldverlagerung schon nichts mehr zu machen. Siehe dazu die RAF-Erklärung zum „Schwarzen September“ und das entsprechend hilflose Gestammel des KB und anderer Organisationen.

    Verräterische Sprache

    Dass Form und Inhalt keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen, wird auch an der Sprache deutlich, die die Autoren des Flugblatts gewählt hatten. Kommen die Anwürfe gegen das „Kapital und seine Handlanger“, den „Konzern-Chef“ Axel Springer und der Italien-Exkurs in schmissiger Erzählsprache und stringenter Begrifflichkeit daher, so bildete die Passage, in der sich die Autoren mit den tatsächlichen Urhebern des Bombenanschlags auseinander setzten, dazu einen bemerkenswerten Kontrast. Die Autoren verfielen an dieser Stelle in eine fast unbeholfen wirkende, begrifflose Sprache, die stark an das Beamtendeutsch erinnert, wie es in den Berichten des Verfassungsschutzes jener Zeit üblich war: „Wir wissen, dass es ‚linksradikale’ Gruppen gibt, die Attentate auf den Herrschaftsapparat des Kapitals und auf die gefährlichsten Reaktionäre und Feinde der Arbeiterbewegung für ein Mittel des gegenwärtigen Kampfes halten. Gerade in diesem Punkt bestehen heftige Meinungsverschiedenheiten zwischen den Kommunisten und den Anarchisten.“, so heißt es im Flugblatt. In Wirklichkeit wussten sie natürlich an dieser Stelle bereits sehr viel mehr. Sie wussten auch, dass es jetzt schon lange nicht mehr um irgendwelche theoretischen Differenzen oder „Meinungsverschiedenheiten zwischen Kommunisten und Anarchisten“ ging.

    Zu diesem Zeitpunkt, als die RAF bereits zwei Jahre existierte und jeder Linke die Möglichkeit hatte, sich mit Theorie und Praxis der Gruppe auseinander zu setzen, benutzte der KB die Stereotypen aus der Boulevard-Presse, die täglich mit wilden Storys über Baader/Meinhof aufmachte, um damit seine Massenkompatibilität unter Beweis zu stellen und gleichzeitig, in der Form der VS-Sprache, die Distanz zu diesen „der Arbeiterbewegung fernen Elementen“ zu dokumentieren.

    War in dem Flugblatt nur allgemein die Rede von „Linksradikalen“ und „Anarchisten“, die „Attentate … für ein Mittel des gegenwärtigen Kampfes halten“ würden, wurde in dem bereits zitierten AK-Artikel unter der Überschrift „Was will die ‚Baader-Meinhof-Gruppe’?“, der Frage nachgegangen, ob der so genannten „Baader-Meinhof-Gruppe“, die sich selbst als „Rote Armee-Fraktion“ bezeichne, derartige Anschläge zuzutrauen seien. (Immerhin haben sie nicht „Bande“ geschrieben, aber da lag ja damals genau die Scheidelinie zwischen SPD und CDU.)

    Diese Sprache und das damit verbundene „sich doof stellen“, hatte neben der Anbiederei, sowohl bei den „Massen“, als auch bei der SPD den zusätzlichen Aspekt der Selbstverleugnung. Auf der einen Seite standen jetzt WIR, die Arbeiter, die Kommunisten, das GUTE – auf der anderen Seite DIE, Kapitalisten, Faschisten, Anarchisten, Bombenleger – das BÖSE. Natürlich war es nachvollziehbar, dass beispielsweise den Genossen aus der KB-„Betriebszelle“ des Springer-Verlages, die Luft eng wurde, weil sie ihren Arbeitskollegen etwas zu erklären hatten. Aber doch nichts über italienische Verhältnisse, sondern über deutsche! Statt dessen stimmten sie in den Ruf nach verschärften Sicherheitsmaßnahmen ein, die in der Lage gewesen wären, diesen Anschlag zu verhindern (siehe AK, 19/72 „Bericht der Betriebszelle Springer“).

    Gemeinsame Geschichte – gemeinsame Verantwortung

    Tatsächlich entstammten die Kader und große Teile der Anhängerschaft des KB, wie auch der diversen anderen „K-Gruppen“ den gleichen politischen, kulturellen und sozialen Milieus, wie die RAF-Kader, mit vergleichbarem Erfahrungshintergrund und ähnlichen politischen Perspektiven. Viele kannten sich aus vergangenen Zeiten im SDS und anderen Organisationen seit mehreren Jahren. Gemeinsam hatte man sich an Aktionen gegen den Axel Springer Verlag beteiligt, gemeinsam hatte man gegen den Vietnamkrieg, das Schah-Regime im Iran oder gegen die Notstandsgesetze demonstriert, usw. usf.

    Es wird heute weitgehend vergessen, dass es in der Zeit vom Ende der 60er zum Beginn der 70er Jahre in der BRD rund 200 Gruppen gab, die den bewaffneten Kampf zu einem zentralen Punkt ihrer politischen Agenda erhoben hatten. Gewaltphantasien wurden öffentlich ausgelebt. Von den Posterwänden in den WG’s, bis zu den Underground-Filmchen jener Zeit, waren Molotow-Cocktails, Kalaschnikows, Handgranaten und Sprengminen als Fetische allgegenwärtig. Wer das nicht gesehen oder gehört oder gelesen hat, muss blind gewesen sein! Und es war auch kein Geheimnis, gegen wen diese Waffen eingesetzt werden sollten. Natürlich, gegen „die Imperialisten“, „die Zionisten“, „die Kapitalisten und all ihre Handlanger“, wie Axel Springer. Das war doch klar!

    Das heterogene Gedankengut aus dem die Gewalt legitimiert wurde, reichte vom Anarchismus Bakunins und Kropotkins, über den Kommunismus marxistisch-leninistischer Prägung, die Mao TseTung-Ideen, die Schriften der Black Panthers, bis zu den lateinamerikanischen Vorbildern, wie Che Guevera oder eben Marighela und sein „Konzept Stadtguerilla“.

    Das Neue an der Situation seit 1970 bestand doch darin, dass ein Teil der „68’er Bewegung“ sich nicht wieder in den BRD-Betrieb integrieren lassen wollte oder konnte und auch keinen Spaß bei der Vorstellung empfand, Vorsitzender eines (national)-revolutionären Kaninchenzüchtervereins zu sein.

    Dass die Situation im Jahr 1972 so weit herangereift war, dass einige dieser Gruppen, nachdem sie zuvor in palästinensischen Ausbildungscamps den Umgang mit Waffen, Munition und Sprengstoff gelernt hatten, dazu übergingen ihre Vorstellungen in offensive Handlungen gegen den „Kapitalismus, Imperialismus, Zionismus“ umzusetzen, hatten die KB-Führer nicht auf der Latte. Das störte geradezu den trauten WG-Betrieb, mit samstäglichem Kinobesuch der Oase-Spätvorstellung, um in den Leinwand-Abenteuern von Spagetti-Western ihren Gewaltphantasien freien Lauf zu lassen. Ihnen reichte die revolutions-romantische Pose, um ihr Umfeld zu beeindrucken. Dass die Wirklichkeit keinen Platz für Revolutionsromantik hat, wie auf der Leinwand, das hatten sie sich nicht so vorgestellt. Echte Bomben, echtes Blut und echte Tote! Da stellte man sich dann lieber mal „jaaanz dumm“, schwadronierte von rechtsputschistischen Provokateuren oder möglichen BM-Sympathisanten, und wusste von nix.

    Schließlich gab es auch im KB Genossen, die in der einen oder anderen Weise mit diesen Gruppen und ihren Ideen verbunden waren. Jetzt mussten sie lernen, Arbeiter, sprich: ein guter Staatsbürger, zu werden, SPD zu wählen und über „anarchistische Gewalttäter“ die Nase zu rümpfen, da „wir Arbeiter“ von deren Taten doch überhaupt nichts hätten, sondern nur „die Kapitalisten und ihr Rechtsblock“. Das Image von einer linksrevolutionären Vorhut-Organisation drohte brüchig zu werden. Der Lack zeigte Risse.

    Natürlich hat der KB im weiteren Verlauf der Geschichte verschiedene Möglichkeiten wahrgenommen, um immer mal wieder am Image der fröhlichen, undogmatischen aber stets kritischen linken Revolutionäre herumzubasteln (Feminismus, Ökologie, 3.Welt, etc.), doch da war es schon nicht mehr die gleiche Organisation. Sie begannen, sich von einer „linksrevolutionären Kaderorganisation“ zu einer linksreformistischen Bewegungsorganisation umzuwandeln. Schließlich konnte er eine ungeahnte Breitenwirkung entfalten und die Auflage seiner Zeitung auf rund 15 000 Exemplare vierzehntägig steigern. Der Weg führte dann folgerichtig über die „Bunte Liste“ zur „Grün-Alternativen-Liste“, die mehrheitlich dann keine Probleme mehr mit Bomben hatte, als sie dann von der NATO auf Jugoslawien abgeworfen wurden. Zur Ehrenrettung sei an dieser Stelle jedoch angemerkt, dass prominente KB-Führer jener Tage sich öffentlich eindeutig gegen diesen Wahnsinn erklärten. Ihr Weg führte sie in die Nähe der PDS/Linkspartei.

    Kürzlich sah ich im Abendprogramm des TV den einstigen Herausgeber des Zentralorgans des Kommunistischen Bundes, der seinerzeit als Hauptreferent in der vom KB-Flugblatt propagierten Veranstaltung auftrat, um dort ausführlichst die Thesen von der „Verschwörung des Rechtskartells“ gegen die SPD-Regierung auszubreiten. Diesmal war er als Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ in die „Phoenix-Runde“ eingeladen. Er witterte wiederum eine Verschwörung. Jetzt aber gegen die Partei „Die LINKE“ und plädierte für mehr soziale Gerechtigkeit. Wer wollte da noch widersprechen?

    Hamburg, 17.06.2010
    W.M.

    * Ich benutze den Begriff der Neuen Linken in diesem Fall paraphrasiert, um damit anzudeuten, dass er in der historischen Forschung umstritten ist. Es existieren verschiedene Ausdeutungen über dessen Entstehungsgeschichte und Urheberschaft. Fest steht, dass er seit den 70er Jahren des XX. Jahrhunderts in den regelmäßigen Veröffentlichungen des Verfassungsschutzes, zur Kennzeichnung all jener Gruppen verwendet wurde, die sich „links von der DKP“ gebildet hatten, was als Standortbestimmung bereits schwierig genug war, vielen ihrer Angehörigen jedoch auch zur Kennzeichnung des eigenen politischen Standortes diente. Der Begriff der „K-Gruppen“ bezog sich dagegen vor allem auf die Gruppen, die, wie die diversen ML-Parteien und Zirkel, das große K für Kommunismus in ihrem Namen trugen, unabhängig davon, welche Spielart im Einzelnen dann auch immer bevorzugt wurde (China, Albanien, Korea, oder auch einzelne Episoden der KPD-Geschichte). Er hatte ausschließlich denunziativen Charakter und wurde innerhalb der Szene nicht verwendet, schon aus dem einfachen Grund, weil jede dieser Gruppen für sich beanspruchte, die einzige wirklich wahre Arbeiterpartei zu sein, bzw. deren Aufbau zu bewerkstelligen und alle anderen folglich Verräter, Renegaten, Abweichler sein mussten, die völlig zu Unrecht das K in ihrem Namen trugen. Meine Verwendung des Begriffs der Neuen Linken meint im soziologischen Sinn, all jene Gruppierungen und Einzelpersonen, die sich in ihrer politischen Theorie und Praxis wesentlich auf die Geschichte der sogenannten „68er-Bewegung“ bezogen. W.M.

    ** Der Kommunistische Bund (KB) war erst etwa ein halbes Jahr zuvor, im Herbst 1971 aus einem Zusammenschluss des SALZ (Sozialistisches Arbeiter und Lehrlingszentrum) mit dem KAB (Kommunistischer Arbeiterbund) hervorgegangen. In Wirklichkeit handelte es sich, wie man heute sagen würde, um eine „feindliche Übernahme“, bei der eine relativ kleine, eher theoretisch arbeitende Gruppe von rund 25 Personen, eine Gruppe, die bereits über mehrere hundert Mitglieder verfügte, die in „Betriebszellen“ organisiert, linke Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit leisteten, übernahm. Die Mitglieder wurden vorher nicht informiert, oder gar befragt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt. Das dem zu Grunde liegende Demokratieverständnis wurde ihnen als „Demokratischer Zentralismus“ (DZ) verkauft.
    * Gemeint ist hier der Versuch der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, im April 1972 durch ein „konstruktives Misstrauensvotum“, die regierende SPD/FDP-Koalition zu stürzen und mit Rainer Barzel als Kanzler die Regierung zu übernehmen. Der Versuch scheiterte an wenigen Stimmen. Bis heute ranken sich die wildesten Gerüchte und Legenden um das damalige Geschehen im Parlament. Außerhalb hatten Gewerkschaften, SPD-Betriebsgruppen, wie auch, in besonderem Maße die DKP, die Arbeiter in den Großbetrieben zu Streiks und Demonstrationen aufgerufen, so dass parallel zur Abstimmung im Parlament, aus Protest gegen den Versuch der CDU/CSU, die Macht an sich zu reißen, ganze Belegschaften geschlossen aus den Betrieben heraus auf die Straße gingen, um sich an großen Kundgebungen zu beteiligen. In Hamburg hatten sich rund 15 000 Menschen zu einer Kundgebung auf der Moorweide, mit anschließender Demonstration durch die Innenstadt zusammen gefunden. Der KB war von dieser Entwicklung zu Ansätzen von politischen Streiks völlig unvorbereitet überrascht worden und war nicht in der Lage eigene politische Akzente zu setzen, so dass die KB-Mitglieder bei der Demo, wenn überhaupt, im Nachtrab hinter den gut organisierten Gruppen der SPD und DKP, einher trotteten. Innerhalb der Organisation löste dieses Ereignis, vor allem in den „Betriebszellen“, heftige Diskussionen über das Verhältnis zur SPD und den Gewerkschaften aus. Es war klassische „Nachtrabspolitik“, über die in den Publikationen so viel gegeifert wurde, die der KB in dieser Situation selbst praktizierte. Für eine kommunistische Kader-Organisation, mit Avantgarde-Anspruch, ein nahezu tödliches Vorgehen.
    * Beim KB war es beispielsweise bis dahin noch üblich, dass Artikel und Flugblätter in der Regel von Männern verfasst und anschließend von den Frauen getippt wurden. Zum Eklat kam es dann, als ein leitender Genosse die „Tippsen“ bestellte, um den von ihm gefertigten Text nun in die Maschine zu geben. Die darauf folgenden Proteste der Frauen führten zu Diskussionen, die den Grundstein für den vielgerühmten Feminismus des KB legten.

  3. Die Kritik von W. M. an der Reaktion des KB auf die Bomben bei Springer ist interessant und (er-)kenntnisreich in Details („Oase-Spätvorstellung“). Wobei mich stört, dass die Kritik so pauschal ist und sich der Text nicht entscheiden kann zwischen der Behauptung einer reformistischen Annäherung an die SPD und einer Kritik am Antizionismus und irrwitzigen bewaffneten Politik von RAF & Co.
    Selbst erst kurz vor Brokdorf aktiver ins KB-Milieu eingestiegen, erschien mir im Rückblick eine Kritik an der RAF wegen der Bomben bei Springer richtig.
    Sinnvoll und spannend finde ich es, das militarististische, volkstümelnde und antizionistische Gehabe der westdeutschen Linken von den 60ern an zu analysieren.
    Das sollte aber auch gehen, ohne gleich selbst verschwörungstheoretisch alle Leitungsmitglieder des KB zu Grünen-&-Linken-Parteikarrieristen zu erklären.
    Denn Viele sind diesen Weg nicht gegangen, sondern weiter – radikal links „from the buttom up“. Zumindest für die letzte Leitung kann ich dass als deren Mitglied belegen.

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