Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Archive for 27. September 2010

Einige Bemerkungen von Karl Kautsky zu Arthur Schopenhauer

Posted by entdinglichung - 27. September 2010

Als Anmerkung zum Schopenhauer-Gedenktag, den vollständigen Text Kautskys zum 100. Schopenhauer-Geburtstag 1888 kann mensch hier im Marxists Internet Archive finden … einen herzlichen Dank an den Genossen, der mich auf den Text aufmerksam gemacht hat

„… Schälen wir den wesentlichen Kern aus dieser neuen Heilslehre heraus, dann finden wir, daß diese nichts anderes ist als eine Wiederaufwärmung des asketischen Christentums oder, da dieses seiner jüdischen Elemente wegen dem Antisemiten Schopenhauer nicht in allen Teilen behagte, des Buddhismus, der Religion des Chinesentums.

Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch zwischen der neuen und den alten Entsagungsreligionen, und in diesem Unterschied tritt meines Erachtens der philiströse Ursprung der Schopenhauerschen Lehre, die man in dem jetzt behandelten Teil wohl Religion nennen kann, am deutlichsten zutage. In den Völkern und Klassen, denen das Christentum und der Buddhismus entsprangen, lebte noch ein Nachhall des urwüchsigen Heroismus fort. Sein ursprüngliches Objekt freilich, das kommunistische Gemeinwesen, war verlorengegangen. Der Heroismus äußerte sich nur noch im Kampf gegen sich selbst, in der Askese, in der Todessehnsucht. Im modernen Spießbürger dagegen findet sich nicht mehr die leiseste Spur von Heroismus. Er schreckt vor jedem Wagnis, jedem Kampf zurück, sowohl dem zur Befriedigung wie dem zur Unterjochung seiner Begierden. Er verdammt diese, um nichts ihretwegen riskieren zu müssen, aber er verzichtet nicht auf ihre Befriedigung, wo sie ohne Gefahr und Kampf möglich ist. Auch auf dem Gebiete der Moral, wie auf andern, ist der Philister der lebendige Widerspruch. Ein Tugendheld in Worten, ein gemeiner Knopf in der Tat.

Schopenhauer, dessen Philosophie so subjektiv war, der, wie man deutlich verfolgen kann, fast bei jedem Wort, das er schrieb, sich und seine persönlichen Verhältnisse vor Augen hatte, hat diesen Widerspruch in seine Theorie mit hinübergenommen.

Indem es Schopenhauer durch dergleichen logische Seiltänzerkunststückchen gelungen, die stete Keuschheit mit der Polygamie, die freiwillige Armut mit der Ausbeutung anderer, Fasten und Kasteien mit der Gourmandise zu vereinigen, hat er den Buddhismus glücklich auf das Niveau des modernen Philisters herabgedrückt und seinen Inhalt auf die vollste Gleichgültigkeit für alle Bestrebungen, welcher Art immer, reduziert auf den Grundsatz: kümmere dich nicht um Dinge, die dich nichts angehen, genieße, was du hast, und verlange nicht, was du nicht hast: eine Lebensregel, bloß für Rentiers anwendbar.

Man wird mir wahrscheinlich einwenden, Schopenhauer habe keineswegs Gleichgültigkeit für die Leiden der Mitgeschöpfe gepredigt. Im Gegenteil. In der Tat lehrt Schopenhauer, daß der Edle sein eigenes Wesen, den Willen, in den andern Geschöpfen wiedererkennt, daß er daher keinen Unterschied zwischen sich und den andern macht. Aus seinem eigenen Leiden erkennt er das ihre, und ungeheures Mitleid erfaßt ihn. Aber dies Mitleid ist im Grunde nur Mitleid mit sich selbst.

Dies Mitleid zwingt nicht zu tätiger Teilnahme an den Bestrebungen unserer Mitmenschen, zur Hebung ihres Loses, es ist ja durch die Überzeugung eingegeben, daß diese Bestrebungen vergeblich sind. Dies Mitleid ist nur eine bequeme Form, den gedachten Bestrebungen die höchste Gleichgültigkeit entgegenzubringen und sich dabei doch noch kolossal selbstlos und edel vorzukommen. Der Philister hat es von jeher geliebt, sich von seinen Verpflichtungen gegen das Gemeinwesen mit einigen Almosenpfennigen loszukaufen.

Und bei Schopenhauer gilt dies unendliche Mitleid weniger der Menschheit als der Tierheit, für die er eine Affenliebe hegt, die einen sehr altjüngferlichen Beigeschmack hat. „Die Menschen sind die Teufel der Erde und die Tiere die geplagten Seelen.“ An diese darf man kaum rühren. Schopenhauer stimmt nicht nur in das Geschrei der Reaktionäre beiderlei Geschlechts gegen die im Interesse der Wissenschaft geübte Vivisektion ein – das Herunterschlucken lebender Austern in einen Philosophenmagen ist ganz etwas anderes –, er sieht nicht nur „die größte Wohltat der Eisenbahnen darin, daß sie Millionen Pferden ihr jammervolles Dasein ersparen“ (was sie, beiläufig gesagt, gar nicht einmal tun), er möchte die Tiere am liebsten kaum angetastet sehen. Ganz anders will er mit den Menschen verfahren. Er empfiehlt die Prügelstrafe – namentlich zur Verhinderung der Tierquälerei und des Peitschenknallens (!) (Parerga, Seite 399, 680) – und die Todesstrafe.

Daß er für die strengste Bestrafung des Tabakrauchens im Walde während des Sommers eintrat, für das Verbot des Peitschenknallens in den Städten eine ganze Abhandlung schrieb (Über Lärm und Geräusch) usw. usw., wird nach Gesagtem ebensowenig jemanden wundern wie daß er erklärte: „Wie die Stelle der Tapferkeit unter den Tugenden, so läßt auch die des Geizes unter den Lastern sich in Zweifel ziehen“ (Parerga II, Seite 221). Dieser Satz und die darauf folgende feurige Apologie des Geizes, der nur matte Argumente entgegengehalten werden, waren dem Spießer aus der Seele gesprochen. Desgleichen sein fanatischer Antisemitismus.

Ein Teil der Bourgeoisie wendet sich deshalb der Kirche zu und sucht die Wiederweckung des christlichen Sinnes in den Massen zu fördern. Aber ein anderer Teil der Bourgeoisie ist zu „aufgeklärt“ dazu. Die christlichen Lehren stehen denn doch zu sehr im Widerspruch zu den Ergebnissen der Wissenschaft. Da empfiehlt sich denn besser eine Religion nach Art der Schopenhauerschen, die Mystizismus, Entsagung und Knechtseligkeit mit einem modernen Anstrich versieht. Und diese Religion hat vor dem Christentum noch den großen Vorzug voraus, den Unterschied zwischen dem Genie und dem Heiligen aufzustellen. Das Christentum predigt die Entsagung allen; wenn der christliche Prediger sie nicht übt, steht er im Widerspruch zur eigenen Lehre. Nach Schopenhauer ist es kaum möglich, auf dem Wege der Entsagung ein Genie zu werden: man kann seiner Ansicht nach nicht philosophieren ohne Rente. Das Predigen der Entsagung und deren Übung fallen also bei ihm nicht bloß in der Praxis, sondern auch in der Theorie auseinander. Naturgemäß fällt dem Bourgeois die Rolle des Genies zu, mit dessen Privilegien – Vielweiberei, Ausbeutung und Feinschmeckerei – und dessen Pflicht, das Glück der Entsagung auseinanderzusetzen und an deren Betrachtung sich zu erbauen. Der Proletarier hat in der Schopenhauerschen Religion als Heiliger zu fungieren, das heißt, er hat Ehelosigkeit, Armut und Kasteiungen nicht bloß auf sich zu nehmen, sondern sogar freiwillig, mit Stolz zu tragen.“

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Kürzungsorgie in Suffolk

Posted by entdinglichung - 27. September 2010

Tendance Coatesy weist in zwei Artikeln ([1], [2]) auf die geplanten Kürzungen im britischen County Suffolk hin … um das bisherige Budget von 1.1 Milliarden Pfund um 30% zu verringern sollen laut den dort regierenden Tories folgende Dienstleistungen outgesourct, privatisiert oder „Charities“, d.h. wohltätigen Stiftungen in die Hand gegeben werden (nebenbei eine Möglichkeit, dem besser betuchten Teil des eigenen Klientels Privatisierungsgewinne zu verschaffen):

• Transactional property
• Registrars
• Suffolk traded services
• Employment enterprises, learning and careers advice
• Libraries
• Home First
• A record office
• Independent Living Centres
• Highway Services
• Country Parks
• Economic Development
• Youth clubs, and Integrated Youth Support and Outdoor Education
• Early Years & Childcare, including Children’s Centres
• Home Shield Plus
• Hate Crime Service

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