Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

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Ein Diskussionsbeitrag der RSO zum Thema „Familie“

Posted by entdinglichung - 9. Oktober 2010

Quelle des nachfolgend dokumentierten Textes: Webseite der Revolutionär Sozialistischen Organisation (RSO), in diesem Zusammenhang sei auch noch einmal wieder auf den Text Kapitalismus und Hausarbeit. Betrachtungen über die Reproduktion als Grundlage kapitalistischer Geschlechterspaltung (1993) der autonomen gruppe 1. mai verwiesen

Marxistische Analyse der Familie

Geschrieben von Stefan Horvath (RSO Wien Uni)

Samstag, 09 Oktober 2010

Obwohl in den letzten Jahrzehnten immer mehr erodiert, ist die bürgerliche Kleinfamilie heute nach wie vor die am meisten verbreitete Form des menschlichen Zusammenlebens in hoch entwickelten kapitalistischen Ländern. Für den Kapitalismus spielt die Kleinfamilie eine wichtige Rolle. Wir widmen uns ihrer historischen Herausbildung und theoretischen Analyse.

Die Familie wird oft als Keimzelle unserer Gesellschaft bezeichnet. Besonders konservative und rechte, aber auch sozialdemokratische Parteien haben sich in der Regel dem Schutz und der Erhaltung der Familie verschrieben. „Etwas für die Familien zu tun“ gehört zum Standardsprech fast aller wahlwerbenden PolitikerInnen.

Was aber ist überhaupt „die Familie“? Interessanterweise findet sich etwa im Grundsatzprogramm der CDU von 2007 ganze 111 Mal der Begriff „Familie“, die da als „erste und wichtigste Gemeinschaft“ sowie als „Fundament unserer Gesellschaft“ bezeichnet wird; eine zufrieden stellende Begriffsdefinition ist aber kaum vorhanden. Ähnlich das Grundsatzprogramm der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), das die „Familie mit zwei Elternteilen und Kindern“ als „unser Leitbild“ und „Keimzelle der Gesellschaft“ beschreibt, sich in Definitionen aber äußerst vage hält. Klipp und klar stellt die ÖVP aber fest, die „zentrale Verwirklichung von Partnerschaft erfolgt in der Ehe“.

Werfen wir zu Beginn unserer Analyse einen kurzen Blick auf die Etymologie. Unter dem lateinischen Begriff familia (die Hausgemeinschaft) wurde ursprünglich nicht, so wie heute, im Wesentlichen die Kernfamilie, bestehend aus Eltern und Kindern, sondern der Besitz des Mannes, des so genannten pater familias, verstanden. Darunter fielen seine Ehefrau, Kinder, SklavInnen, DienerInnen sowie das Vieh. Folglich war Familie keine Verwandtschafts- sondern eine Herrschaftsbezeichnung.

Das Lexikon zur Soziologie im Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden 2007) definiert den Begriff Familie als „universale Einrichtung, die aber zwischen den Kulturen und über die historische Zeit erhebliche Unterschiede in der Ausgestaltung aufweist. Grundlegend für die Familie ist die Zusammengehörigkeit von zwei oder mehreren aufeinander bezogenen Generationen, die zueinander in der Mutter- und/oder Vater-Kind-Beziehung stehen und in einem gemeinsamen Haushalt leben können, aber nicht müssen. (…) Ob noch weitere Personen zur Familie gerechnet werden, und wenn ja, welche, ist eine Frage der Grenzziehung, die kulturell, historisch, aber auch innergesellschaftlich variieren kann.“

Heute ist der Begriff Familie also eine Verwandtschaftsbezeichnung, allerdings ideologisch hoch aufgeladen und mit etlichen sozialen Implikationen. Auch wird er nicht ganz konsistent verwendet, so wird etwa öfters nur die „Kernfamilie“ (Eltern und Kinder) darunter verstanden. Diese Kleinfamilie ist weiters nicht bloß eine Verwandtschaftsform, sondern, zumindestens in Europa und Nordamerika, heute die dominante Form des menschlichen Zusammenlebens (Eltern und minderjährige Kinder in einem Haushalt).

In diesem Artikel soll es um die Analyse der spezifischen Form der bürgerlichen Kleinfamilie als Lebensform gehen. Ausgehend von einer historischen Darstellung ihrer Entwicklung im Prozess der Transformation feudaler zu kapitalistischen Gesellschaften in Europa soll diese im Anschluss theoretisch analysiert werden. Daher geht es auch nicht um die Entstehung von Familie und Ehe an sich. An dieser Stelle sei auf unsere ausführliche Aufarbeitung des Friedrich Engels-Klassikers „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ in MARXISMUS Nr. 29 hingewiesen.

Hier sei nur soviel erwähnt: In verschiedenen (historischen) Gesellschaften gab und gibt es ganz unterschiedliche Familienformen: Kernfamilien, patrilokale (das Ehepaar wohnt beim Vater des Ehemanns) oder matrilokale Mehrgenerationenfamilien, polygyne (ein Mann heiratet mehrere Frauen) und polyandrische (eine Frau heiratet mehrere Männer) Familien, vorübergehend (auch um nicht verwandte Personen) erweiterte Familien, Gruppenehen und noch vieles mehr. Die Funktionen, die einzelne Familienmitglieder dabei übernehmen, können sehr stark variieren. So übernimmt in matrilinearen Familiensystemen (weibliche Erbfolge) oft der Bruder der Mutter die Vaterrolle für die Kinder seiner Schwester.

Nun gelangen wir auch zum ersten Mal zu den Funktionen, die Familien übernehmen können. Für eine Gesellschaftsformation kann die Familie im Wesentlichen drei verschiedene Aufgaben übernehmen:

1. Produktion, also Herstellung von Gütern und Dienstleistungen;

2. Reproduktion, und zwar im doppelten Sinn. Das heißt, die tagtägliche Reproduktion der Arbeitskraft (Hausarbeit, Beziehungsarbeit etc.) sowie die biologische Reproduktion des Menschen selbst (Kinder zeugen);

3. Sozialisation, also die Heranführung und Integration von Kindern in die Gesellschaft.

Bevor wir uns jedoch näher mit der theoretischen Analyse dieser Funktionen beschäftigen, wollen wir uns einer kurzen historischen Herleitung der Familie, so wie wir sie heute in Europa kennen, widmen. Der folgende Abschnitt orientiert sich an der Arbeit „Sozialgeschichte der Familie“ von Reinhard Sieder (Frankfurt 1987).

Die Familie im Umbruch vom Feudalismus zum Kapitalismus

Die bäuerliche Familie

In Europa kommt der Begriff Familie im heutigen Sinn erst im 18. Jahrhundert auf. Vorher wurde schlicht und einfach vom „Haus“ gesprochen wobei hier sowohl verwandte als auch nicht-verwandte Personen (Gesinde, TagelöhnerInnen, DienerInnen) mitgezählt wurden. Ein Familiensinn in Form einer affektiv-emotionalen Beziehung zwischen Kindern und Eltern war lange völlig unbekannt und kommt in Europa erst ab dem 16./17. Jahrhundert im Adel und der entstehenden Bourgeoisie auf.

Die bäuerliche Familie des 18. Jahrhunderts hingegen war eine soziale Einheit mit vergleichsweise wenig emotionaler Beziehung zwischen Eltern und Kindern sowie den beiden Elternteilen untereinander. Es gab keine besonders Kindererziehung, die Sozialisation des Kindes erfolgte unbewusst durch Nachahmung. Als Folge der harten und zeitaufwändigen Arbeit wurden Kinder oft vernachlässigt und nur rudimentär beaufsichtigt (es gibt sogar Berichte von Babys, die von frei herumlaufenden Hausschweinen gefressen wurden). Kinder wurden oft bereits ab dem 5. Lebensjahr zu Arbeiten eingeteilt, doch solange sie noch nicht arbeiten konnten, waren sie der bäuerlichen Familie eher ein Hindernis.

Heirat war hier keine persönliche Angelegenheit, sondern folgte den Interessen der gesamten Hausgemeinschaft die sämtliche oben beschriebenen Funktionen übernahm. Das heißt, die bäuerliche Familie war – in manchen Landstrichen bis tief ins 20. Jahrhundert hinein – eine Einheit von Produktion, Konsumption und „Familienleben“.

Da über weite Strecken der europäischen Geschichte Eltern und Kinder als Arbeitskräfte nicht ausreichten, wurden sie entweder durch Gesinde (v.a. in Zentralrussland, Osteuropa), TagelöhnerInnen (Norddeutschland, Ungarn, Norditalien, Frankreich) oder beides (Mitteleuropa) ergänzt. Ein Teil des Gesindes war mit dem Bauernpaar verwandt, ein anderer Teil nicht. Auch DienstbotInnen sprachen das Bauernpaar oft mit „Vater“ und „Mutter“ an.

Es herrschte eine strenge geschlechtliche Arbeitsteilung vor; der zwar teilweise vorhandenen innerhäuslichen Macht der Bäuerin stand die patriarchale christliche Dorfgemeinschaft gegenüber, die gleichzeitig als soziales Regulativ fungierte. Daraus ergibt sich aber auch, dass es innerhalb der Familie kaum Privatheit im heutigen Sinne gab.

Welche Arbeit Männer bzw. Frauen verrichteten, ist historisch und geographisch sehr unterschiedlich. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Frauen in der Regel die nicht oder nur wenig kommerzialisierte Arbeit machten. Eine Kommerzialisierung verschiedener Arbeiten – wie etwa der Heimarbeit im Textilbereich – ging zumeist mit einer „Vermännlichung“ einher. Männern sicherten sich also stets die Kontrolle und Verfügung über das jeweilige Mehrprodukt und festigten damit die patriarchale Herrschaft.

Wenn Konservative heute die Familie als uralte emotionale Gemeinschaft darstellen, dann sei ihnen in bäuerliche Familie der frühen bürgerlichen Gesellschaft entgegengehalten. Die Geschichte der bäuerlichen Familie Europas zeigt, dass Gefühle und Emotionen keine universellen, über-historischen Konstanten sind, sondern soziale und historisch wandelbare Dinge.

Nebenbei sei auch mit dem Mythos der immer schon vorhandenen und harmonischen Mehrgenerationenfamilie aufgeräumt, der im Wesentlichen von konservativen HistorikerInnen und VolkskundlerInnen während der Industrialisierung als perfektes Modell der Altersversorgung geschaffen wurde. Schließlich hatte die durch die Industrialisierung gestiegene Lebenserwartung im 19. Jahrhundert die Dreigenerationenfamilie erst zur typischen Konstellation im mitteleuropäischen Bauernhaus gemacht. Der Umgang mit alten und damit nicht mehr voll arbeitsfähigen Menschen war in einer Gesellschaft, in der körperliche Arbeit das Ein und Alles war, keineswegs immer so harmonisch, wie heute oft dargestellt. Ein eher gespanntes Verhältnis zwischen Kindern und Eltern (etwa über Hofübergabe oder den Anteil an Lebensmitteln, den alte Menschen bekommen sollten) war die Regel und nicht die Ausnahme.

Die Handwerker-Familie

Auch die Familie der Handwerker (Frauen waren nicht zum Handwerk zugelassen) in der vor-kapitalistischen Gesellschaft ist durch eine enge Verflechtung von Produktionsweise und „Familienleben“ gekennzeichnet – mit deutlichen Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen. So zum Beispiel ein quasi-elterliches Verhältnis zwischen Meister und Lehrling. Ähnlich wie bei der bäuerlichen Familie war auch der Handwerker-Haushalt kaum privatisiert, schließlich hatte die Zunft als soziales Regulativ etliches mitzureden. Zünfte regulierten etwa die Geschlechterverhältnisse, indem sie vorschrieben, dass ein Handwerksmeister eine Ehefrau haben musste (die sich häufig neben der Hausarbeit um die an den Betrieb angeschlossene Landwirtschaft kümmerte).

Auch hier gab es keine „geschützte Kindheit“ so wie in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft. Kleine Kinder waren als arbeitsunfähige Personen relativ nutzlos für den Haushalt und wurden nicht selten mit unsanften Mitteln einfach „ruhig gestellt“. Im Vergleich zur bäuerlichen Familie aber war eine Übergabe des Handwerksbetriebs vom Vater auf den Sohn weniger üblich. Söhne gingen bei fremden Meistern in die Lehre und anschließend auf die verpflichtend vorgeschriebenen Wanderjahre. Danach heirateten sie oft in einem fremden Handwerksbetrieb ein, den sie dann übernahmen. Ein über Generationen weiter vererbter „Familienbetrieb“, heute bei Konservativen hoch im Kurs, ist also keine uralte Angelegenheit, sondern eher eine Entwicklung des modernen Kapitalismus. Mit diesem sollte dann auch jenes Phänomen entstehen, das wir als die moderne bürgerliche Familie bezeichnen können.

Die bürgerliche Familie

Mit dem modernen Kapitalismus und der dadurch bedingten Trennung von Produktion und Reproduktion entsteht zum ersten Mal in der europäischen Geschichte eine echte Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit – zumindestens für einen relevanten Teil der Bevölkerung. Die von der Bourgeoisie durch Revolutionen und Reformen durchgesetzten bürgerlichen Rechte definierten erstmals reale – und doch sehr abstrakte – Freiheitsrechte für das menschliche Individuum (ein im Mittelalter unbekannter Begriff). Privatheit bzw. Privatsphäre war von nun an jener Bereich, in dem ein Mensch idealerweise unbehelligt von äußeren Einflüssen sein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit wahrnehmen konnte.

Führte also die Kommerzialisierung von immer mehr Tätigkeiten der Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen zu einer Ausgliederung der Produktionssphäre aus dem Haushalt und damit der Familie, so kam es auf der anderen Seite zu einer Intimisierung des Familienlebens. Schliefen noch im 17. Jahrhundert die DienerInnen französischer Adeliger oft im selben Zimmer und wurden bis ins 18. Jahrhundert hinein Hausangestellte zur „Familie“ gezählt, so wurde die Aufspaltung des Haushalts in „Familie“ und „familienfremde Personen“ nun immer deutlicher.

Unter Intimisierung des Familienlebens ist beispielsweise zu verstehen, dass nun die „Liebesheirat“ und die „romantische Ehe“ an die Stelle rein ökonomischer Überlegungen traten, die noch die Partnerwahl bäuerlicher oder Handwerker-Familien dominierten. Obwohl auch im Bürgertum natürlich nicht rein nach Zuneigung geheiratet wurde – immerhin musste der Partner bzw. die Partnerin „respektabel“ sein, also unter anderem derselben Klasse angehören – so gab es nun doch ein größeres emotionales Interesse aneinander, was wiederum auch der Individualisierung der Persönlichkeit zuträglich war.

Damit einhergehend erfolgte auch eine Pädagogisierung im Umgang mit Kindern, die nun zunehmend als Individuen mit eigener Persönlichkeit wahrgenommen wurden. Das Kind galt nun erstmals als „erziehbares Wesen“ welches zu einem normen und vernunftgeleitetem Menschen gemacht werden sollte. Im Unterschied zur bäuerlichen Familie, wo Sozialisation höchstens unbewusst durch Nachahmen der Erwachsenen durch die Kinder stattfand, galt „Erziehung“ nun als aktiver Prozess, der vor allem in den ersten Lebensjahren durch die Eltern geleitet werde sollte. Kennzeichnend für die frühe bürgerliche Familie war dabei eine frühe Trennung zwischen Buben und Mädchen.

Schließlich hatte die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit ambivalente Folgen. Einerseits schuf sie Möglichkeiten der Liebe und Intimität, andererseits auch der Gewalt – fast ausschließlich gegen Frauen und Kinder. Denn mit der Ausgliederung der Produktionssphäre aus dem Familienleben wurde die Frau auf die Sphäre der Reproduktion reduziert. Die Autorität des Mannes basierte nun nicht mehr auf inner- sondern auf außerhäuslicher Arbeit; er wurde zum „Ernährer“ der Familie. Das Verschwinden der Frau aus der Produktion und ihre Festlegung auf die Reproduktion (Hausarbeit, Pflege, Kindererziehung) förderten wiederum jene Eigenschaften, die ihr als „natürlich“ angedichtet wurden. Sie sollte die Hüterin jenes Refugiums, jener „heilen Welt“ sein, welche die Familie fortan als Gegensatz zum kapitalistischen Konkurrenzdruck außerhalb darstellen sollte.

Die proletarische Familie

Marx und Engels vermuteten Mitte des 19. Jahrhunderts, dass die Industrialisierung zu einer Zerstörung der Familie führen würde. Dass das – zumindest als generelle Tendenz – eingetreten ist, wissen wir heute. Gerade im 19. Jahrhundert, als große Teile Europa erstmals industrialisiert wurden, hatte dieser Prozess die Familienbindung in vielen Fällen aber noch verstärkt, indem etwa LandbewohnerInnen, die in Städte gingen um Fabrikarbeit anzunehmen in Ermangelung staatlicher Sozialsystems verwandtschaftliche Solidarnetze in Anspruch nahmen.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein lebten ArbeiterInnen häufig in so genannten halboffenen Familien: Kernfamilien plus verwandte und nicht verwandte Personen. SchlafgängerInnen bzw. BettgeherInnen und anderen UntermieterInnen prägten das proletarische Wohnen (und Familienleben). Zwar wirkte die bürgerliche Familienideologie – auch propagiert durch reformistische sozialdemokratische FührerInnen – bis tief in die ArbeiterInnenklasse, doch fehlte ArbeiterInnenfamilien die materielle Grundlage dafür in den meisten Fällen völlig. Beispielsweise arbeiteten in Wien in der Zeit zwischen 1880 und 1900 rund 40% der verheirateten Arbeiterfrauen Vollzeit, weitere 40% gelegentlich. Wie sollte sich die Ideologie des männlichen „Ernährers“ hier in die Praxis umsetzen?

Eine gewisse materielle Basis für die Familienbindung bestand jedoch: Vor allem Arbeiterinnen waren durch ihre weitaus geringe Bezahlung oft auf die Ehe angewiesen, wo sie dann (auch wenn sie genauso viel arbeiteten wie der männliche „Haupternährer“) die Rolle von „Zuverdienerinnen“ einnahmen. In der kapitalistischen Logik war das in mehrerlei Hinsicht sehr „praktisch“: Frauen gewährleisteten nicht nur die Gratis-Verrichtung der Hausarbeit, sie konnten auch als billige Arbeitskräfte bzw. auch als Lohndrückerinnen eingesetzt werden; das trug wiederum ideologisch zur Spaltung der ArbeiterInnenklasse (an der Geschlechterlinie) bei.

Besser gestellte Facharbeiter übernahmen aber bereits die bürgerliche Familienideologie. Sobald man es sich leisten konnte, drängten viele Männer ihre Ehefrauen dazu, die Lohnarbeit aufzugeben und sich gänzlich „der Familie zu widmen“. So wird zum Beispiel aus dem „Roten Wien“ der 1920er Jahre berichtet, dass in nicht wenigen ArbeiterInnenfamilien die Frau ihr Lohnarbeit aufgab, sobald eine (äußerst billige) Gemeindewohnung bezogen werden konnte (Zur Geschichte des Wiener Gemeindebaus siehe „Wien: Kampf um den Gemeindebau „). Auch die Bildungsorientierung bezüglich der Kinder wurde von höheren Schichten der ArbeiterInnenklasse übernommen, wenn auch in der Regel verbunden mit einem kollektiv-emanzipativen Gedanken und keinem Gedanken des individuellen Aufstiegs.

Sozialisation der Kinder aus ArbeiterInnenfamilien fand bis weit ins 20. Jahrhundert hinein häufig weitgehend außerhalb der Familie statt – in der Schule und „auf der Straße“. Mussten beide Eltern den ganzen Tag in der Fabrik arbeiten, so blieb ihnen oft nichts anderes übrig, als ihre Kinder der Straße zu überlassen, wo sie in informellen Kinder- und Jugendgruppen sozialisiert wurden. Im Gegenzug sahen Bürgerliche Erziehung als Fernhalten des Kindes von der Straße an.

Wie heute in Bezug auf Kinder aus MigrantInnenfamilien wurde damals in reaktionärer Manier ein „Erziehungsdefizit“ verortet, welches die staatliche Pädagogik von oben herab beheben müsste. Auch große Teile der ArbeiterInnenbewegung schlossen sich der Haltung an, wonach Kinder ständig unter der Obhut von PädagogInnen sein müssten. Besonders im austromarxistischen Roten Wien wurden „Straßenkinder“ im Rahmen einer Elendsberichterstattung nur als Opfer gesehen, die durch die sozialdemokratische Kinder- und Jugendfürsorge betreut (und diszipliniert) werden mussten. Dabei hatte sich in den informellen Kinder- und Jugendgruppen teilweise eine beachtliche selbstständige Alltagskultur herausgebildet. So beobachtete die Psychologin Hildegard Hetzer in den 1920er Jahren in den Straßen der proletarischen Viertel Wien-Kaisermühlens rund 160 verschiedene Straßen-Spiele von Kindern. Diese hatte ihnen kein Erwachsener beigebracht, sondern sie wurden immer wieder von älteren an jüngere Kinder weitergegeben.

Beengte Wohnverhältnisse des Proletariats (Eltern, Kinder und nicht-verwandte Personen schliefen häufig in einem Zimmer) kurbelten, neben aller Abscheu, bürgerliche Phantasien an, die eine „enttabuisierte Sexualität“ der ArbeiterInnen an die Wand malten. Tatsächlich dürfte die Normen der Sexualität im Proletariat im Vergleich zur gutbürgerlichen Gesellschaft weniger rigide gehandhabt worden sein, schon allein die Kinderarbeit verhinderte eine Abschottung der Geschlechter voneinander.

Allerdings existierten auch in der ArbeiterInnenklasse des ausgehenden 19. Jahrhunderts trotz – oder gerade wegen – der räumlichen Enge sehr hohe Scham- und Peinlichkeitsschwellen. So sahen zum Beispiel viele Kinder ihre Eltern niemals nackt. Die Kinder sahen und hörten zwar einiges, geredet wurde darüber aber nie, was im späteren Leben vielfach ein recht verkrampftes Verhältnis zur Sexualität zur Folge hatte.

Entwicklungen im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert erfuhren die Familie bzw. die unterschiedlichen Familienformen der einzelnen Klassen und Schichten große Veränderungen. Besonders in jener Periode, die SozialwissenschaftlerInnen häufig als „Fordismus“ bezeichnen (in den USA ab den 1930er Jahren, in Europa ab den 1950er bis in die 1970er Jahre) kam es zu einer tendenziellen Angleichung von bürgerlichen und proletarischen Familien.

Durch steigende Löhne und allgemein gestiegenen Wohlstand gab es in Westeuropa und Nordamerika zum ersten Mal eine materielle Grundlage für das bürgerliche Familienideal in breiten Schichten der ArbeiterInnenklasse. Dies bremste die allgemeine Tendenz des Absterbens der Familie, ja wirkte als länger andauernde Gegentendenz dazu. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren stand das Familienmodell mit männlichem „Ernährer“ und Hausfrau hoch im Kurs. Der dem lohnarbeitenden Ehemann gezahlte „Familienlohn“ sollte idealerweise ausreichen, um neben sich selbst noch eine Frau und Kinder zu versorgen.

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Vermischte Lesehinweise

Posted by entdinglichung - 9. Oktober 2010

* Pierre Rousset: The Second Congress of the Revolutionary Workers’ Party (Mindanao) (International Viewpoint)

* Bob Thomson: Pachakuti: Indigenous perspectives, degrowth and ecosocialism (Climate and Capitalism)

* Rachel Tabachnick: From Schoolhouse to Statehouse: Curriculum from a Christian Nationalist Worldview (Political Research Associates)

* Voices Against The Day – Seven Young Workers from Gurgaon (GurgaonWorkersNews)

* Fuerzas Armadas Revolucionarias – Ejército Popular Tupacamarista (FAR-EPT): Comunicado Nº 1 (CEDEMA)

* Salvatore Cannavò: Crisis of “Berlusconism” with a left that’s out of the game (International Viewpoint)

* Michael Bonvalot: Wiener Wahl: Aussprechen, was ist (RSO)

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