Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML): Sind lange Haare fortschrittlich? (1974)

Posted by entdinglichung - 12. Oktober 2010

Zweifelsohne ein Tiefpunkt der Ideologieproduktion der deutschen K-Gruppenszene, ein vergeblicher Versuch der KPD/ML sich mittels verschwörungstheoretischer Pseudoanalyse populärkultureller Erscheinungen in das deutsche Spiesserherz einzuschleimen, … immerhin hielten sich nicht alle KPD/ML-Mitglieder an die mode-politischen Vorgaben ihrer Parteileitung.

Der nachfolgend dokumentierte Text wurde auf Seite 6 der Ausgabe 2/1974 vom 12. Januar 1974 des Roten Morgens veröffentlicht, einen herzlichen Dank und liebe rote Grüsse an die Genossen des Projektes Materialien zur Analyse von Opposition (MAO) für das Scannen und online Stellen dieser und anderer Dokumente zur Geschichte der BRD-Linken!

Sind lange Haare fortschrittlich ?

In der Nummer 34 des Roten Morgen vom 1. September 1973 veröffentlichten wir den Brief einer Leserin aus München, in dem die Kollegin schildert, wie begeistert sie war, als sie im Gespräch mit den Verkäufern des Roten Morgen und beim Lesen unseres Zentralorgans erfuhr, daß unsere Partei sich gegen Beat-und Popmode, lange Haare, Hippy-Kleidung usw. wendet und daß diese Einflüsse auch in den Volksrepubliken China und Albanien bekämpft werden. Dieser Brief, den die Redaktion kurz kommentierte, löste unter unseren Lesem – innerhalb und außerhalb der Partei und der Roten Garde – eine große Diskussion aus. Wir wollen deshalb, um gleichzeitig auch die vielen Leserbriefe zu diesem Problem zu beantworten, noch einmal auf die Frage eingehen, welche Haltung wir Kommunisten zu schädlichen Einflüssen der bürgerlichen Ideologie in der Jugend einnehmen müssen.

Wenn wir als Kommunisten die Frage stellen, ob eine Sache richtig oder falsch ist, dann gehen wir vom Standpunkt der Arbeiterklasse an diese Frage heran. Für uns steht die Frage so: Nützt die Sache der Arbeiterklasse, dient sie der proletarischen Revolution oder nützt sie den Kapitalisten und der Reaktion und schadet sie der Arbeiterklasse? Die Antwort auf diese Frage entscheidet nicht nur Fragen der Strategie und Taktik der Revolution, sondern auch Probleme kommunistischer Moral, wie sie zum Beispiel in der Frage auf getaucht sind, welche Haltung wir zu Modeerscheinungen wie lange Haare, Hippykleidung, superkurze Miniröcke, aber auch zu Erscheinungen wie Rauschgift und Sexwelle einnehmen.

Was heisst „kommunistische Moral“?

Für uns Kommunisten gibt es keine Moral, die über den Klassen steht, keine „sittlichen Werte“. die vom Himmel fallen. Die bürgerliche Moral der Kapitalisten dient den bürgerlichen Klasseninteressen. Die Bourgeoisie will dem Proletariat ihre Moral aufzwingen, damit die Arbeiterklasse sich schicksalsgleich in Ausbeutung und Unterdrückung ergeben soll. Im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen die Kapitalistenklasse, aber entwickelt das Proletariat seine, die proletarische Moral. Sie ist ausgerichtet auf die Eigenschaften und Tugenden, die die Proleten entwickeln und fördern müssen, damit sie als Klasse in der Lage sind, die Herrschaft der Kapitalisten durch die gewaltsame Revolution zu stürzen, um die Herrschaft der Arbeiterklasse über die Ausbeuter zu errichten,

Zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Moral findet ein ständiger Kampf auch innerhalb der Arbeiterklasse statt. Wo die proletarische Moral Solidarität und Geschlossenheit fordert, predigt die bürgerliche Moral Individualismus und Konkurrenz. Wo die proletarische Moral die kameradschaftliche Partnerschaft von Mann und Frau fordert, predigt die bürgerliche Moral die Unterdrückung der Frau, ihre Degradierung zum Sexualobjekt und setzt die egoistische Verabsolutierung sexueller Befriedigung, den Aufruf, sich gegenseitig zu betrügen, an die Stelle vertrauensvoller Kameradschaft zwischen den Eheleuten. Wo die proletarische Moral den Haß auf die Kapitalistenklasse fordert, predigt die bürgerliche Moral ‚Nächstenliebe‘ gegenüber den Ausbeutern. Wo die proletarische Moral die Vorbereitung der Arbeiterklasse auf die gewaltsame Zerschlagung des kapitalistischen Systems fordert, predigt die bürgerliche Moral den Pazifismus usw.

Wie in allen Fragen müssen die Kommunisten auch im Kampf gegen die bürgerliche Kultur, durch die sie verbreitet wird, vorangehen. Vorangehen müssen die Kommunisten in der Verteidigung und Stärkung der proletarischen Moral. So wie die Kommunisten letztlich keine von den Interessen der gesamten Arbeiterklasse verschiedenen Interessen vertreten, sondern als Trupp und Vortrupp ihrer Klasse diese Interessen und den Weg zu ihrer Verwirklichung nur am klarsten erkennen und am konsequentesten dafür kämpfen, so ist auch die kommunistische Moral nur der konsequenteste Ausdruck der proletarischen Moral. Die kommunistische Moral wird entscheidend dadurch geprägt, daß den Kommunisten bewußt ist, daß ihre Partei Führerin der Arbeiterklasse und des gesamten werktätigen Volkes ist.

Unsere Haltung zu langen Haaren. Hippy-Kleidung, Beat- und Popmode usw. entscheidet sich also an der Frage, ob diese Modeerscheinungen der Kapitalistenklasse oder Arbeiterklasse, der Reaktion oder der Revolution nützen.

1, SIE SOLLEN DIE JUGEND VOM KLASSENKAMPF ABHALTEN!

Die Bourgeoisie weiss genau, daß die Jugend der aktivste und kämpferischste Teil des Volkes ist. Darum will sie verhindern, daß die Jugend erkennt, daß ihre Freiheit untrennbar mit der Freiheit des gesamten werktätigen Volkes verbunden ist, daß auch die Jugendlichen nur im Sozialismus, unter der Herrschaft der Arbeiterklasse wirklich frei sein werden.

Stattdessen versucht die Bourgeoisie der Jugend einzureden, im Kapitalismus sei jeder seines Glückes Schmied: „Hans im Glück kann jeder sein“ (bekannter Schlager). Dem Jugendlichen, der Tag für Tag 8 Stunden am Fließband oder an der Maschine steht, rufen sie zu: Raus aus dem grauen Alltag! Die verrückteste Musik, die verrückteste Kleidung, die verrücktesten Discotheken und Lokale, die verrückteste Haartracht – Hauptsache, die Jugend wird von der kapitalistischen Wirklichkeit, damit vom Klassenkampf abgelenkt.

Die Jugendlichen denken, sie würden die „Regeln der Gesellschaft durchbrechen“, ihren „eigenen Weg gehen“. Aber in Wirklichkeit wird dieser ganze Rummel ja von der Bourgeoisie aufgezogen, die dabei ja auch finanziell und politisch profitiert.

2. SIE SOLLEN DIE JUGEND IN DIE SACKGASSE DES INDIVIDUELLEN PROTESTS TREIBEN!

Natürlich sind viele Jugendliche, die lange Haare tragen, in vielen Fragen fortschrittlich. Im antiimperialistischen Kampf, im Kampf gegen den Militarismus, bei Rote-Punkt-Aktionen, Hausbesetzungen usw. fällt auf, daß ein relativ großer Anteil der kämpfenden Jugendlichen lange Haare trägt Trotzdem sind auch hier die langen Haare Ausdruck eines falschen, kleinbürgerlichen Bewußtseins.

Warum tragen diese Kollegen und Genossen lange Haare? Offensichtlich, weil sie damit ihre „Opposition“, ihren Protest gegen die bestehenden Zustände deutlich machen wollen. Dieser Widerwille gegen die kapitalistische Gesellschaft ist gut und nicht schlecht. Er ist eine günstige Voraussetzung dafür, daß diese jungen Kollegen zu Klassenkämpfen und schließlich zu Kommunisten werden.

Aber genau bei diesem spontanen Haß vieler Jugendlicher auf die kapitalistische Gesellschaft setzt auch die Bourgeoisie mit ihrer Demagogie an. Sie sagt: „Laß Dir nichts gefallen, marschiere nicht in der grauen Masse, protestiere!“ So will sie die falsche Auffassung verbreiten, im Kampf gegen den Kapitalismus käme es vor allem auf den Einzelnen, auf seinen Protest an. Von diesem individuellen Protest aber hat die Bourgeoisie nichts zu fürchten. Sie fürchtet nur, daß die Arbeiterklasse sich unter der Führung der Kommunistischen Partei zusammenschließt, um ihre Herrschaft zu stürzen.

3. SIE SOLLEN DAS VOLK SPALTEN!

Die Jugendlichen, vor allem natürlich die proletarische Jugend, sehen, daß das Leben ihrer Eltern gekennzeichnet war und ist durch Arbeit und noch mal Arbeit, häufig genug durch den Kampf um die nackte Existenz. Soll das auch ihr Schicksal sein? – Mit allen Mitteln muß die Bourgeoisie versuchen, zu verhindern, daß die Jugend erkennt, daß für die Werktätigen eine glückliche und sorgenfreie Zukunft nur im Sozialismus möglich sein wird, daß Kapitalismus, Ausbeutung und Unterdrückung für die Werktätigen bedeutet und die ständige Angst, das wenige auch noch durch Krisen, Inflation und Kriege zu verlieren.

Hier greifen die Kapitalisten zu einem besonders hinterhältigen Schachzug: Sie hetzen die Jugend gegen die Älteren und Alten auf. Sie sagen: „Eure Eltern sind an ihrer Lage selbst schuld, sie sind rückständig, verstehen die Welt nicht mehr richtig und bringen es darum auch zu nichts. Ihr seid modern, aufgeschlossen, ihr werdet es schon schaffen!“ Sie behaupten, wenn ihr nicht das gleiche Schicksal wie Eure Eltern erleben wollt, dürft Ihr nichts von Ihnen übernehmen, müßt Ihr genau das Gegenteil von dem tun, was Eure Eltern gemacht haben.

Sie schaffe eine eigene Mode (lange Haare, verrückte Kleidung usw.), die den Anschauungen und dem Empfinden der Älteren tatsächlich in allen Punkten widerspricht, sie völlig ausschließt und die Jugend isoliert.

Gleichzeitig entfaltet sie unter den älteren Menschen eine wilde Hetzkampagne gegen die Jugend. Sie sei undankbar, frech, übergeschnappt, verkommen, arbeitsscheu usw. Einflüsse dieser Hetzkampagne werden auch in dem Leserbrief deutlich, indem die Schreiberin die Jugendlichen als die eigentlichen Schuldigen angreift („junge Gören“). Die Redaktion übt Selbstkritik, daß sie in ihrem Kommentar auf diesen Punkt nicht eingegangen ist. Das war ein Ausdruck des Rechtspportunismus.

Die Kapitalisten wollen erreichen, daß der Haß auf die bestehenden Zustände sich gegen die Eltern und nicht gegen sie selbst richtet. Sie wollen verhindern, daß Alt und Jung gemeinsam den tatsächlichen Feind bekämpfen: die Kapitalistenklasse.

Lange Haare nur eine äußerliche Sache?

Viele Kollegen und Genossen schrieben uns, lange Haare seien doch nur eine äußerliche Sache, die nicht so wichtig sei. So schrieb uns ein Genosse aus Wattenscheid: „Ich glaube, Ihr faßt das Thema ‚Haare und Kleidung‘ sehr oberflächlich an. Es geht doch nicht in erster Linie darum, ob jemand kurze oder lange Haare hat, sondern auf welcher Seite er steht; auf der Seite der Bourgeoisie oder auf der Seite des Proletariats“.

Der springende Punkt ist aber doch gerade, daß die Frage, auf welcher Seite ein Jugendlicher steht, letztlich davon abhängt, ob er der bürgerlichen Ideologie erliegt oder ob er von der Ideologie des Proletariats, dem Marxismus-Leninismus, ergriffen wird. Fragen der Kultur, Fragen der Moral sind Klassenfragen, auf die die Partei im Klassenkampf eine klare Antwort geben muß.

Auch an diesem Frontabschnitt dürfen wir nicht zurückweichen. Es st kein Zufall, daß auch und gerade die modernen Revisionisten lange Haare auf ihren Plakaten propagieren und versuchen, die Jugend mit Beatmusik einzufangen. Diese Herren wissen eben, was für die Kapitalisten nützlich ist, wie man noch am ehesten Verwirrung und Spaltung in die Arbeiterklasse tragen tarnt. Die Propagierung der bürgerliche Jugendkultur durch die D“K“P-Revisionisten ist ein wichtiger Faktor bei ihren verzweifelten Bemühungen, die Arbeiterklasse von der sozialistischen Revolution abzuhalten, sie an das kapitalistische System zu ketten.

WERKTÄTIGE UND STUDIERENDE JUGEND, HINEIN IN DIE ROTE GARDE!
VORWÄRTS MIT DER KPD/ML!

Vor kurzem bekam ich zufällig ihre Zeitung „Roter Morgen“ in die Hände und hatte auch Gelegenheit, mit den Verkäufern, die offensichtlich der KPD/ML angehören, zu sprechen, Und ich war gleich angenehm von der sauberen äußeren Erscheinung dieser jungen Leute überrascht; die Jungen hatten durchweg gewaschene, kurze Haare und vernünftige, nicht so wie heute anscheinend übliche verrückte Kleidung und auch das Mädchen machte einen frischen, natürlichen Eindruck, wie man ihn heute gar nicht mehr antrifft. Auch während der Unterhaltung konnte ich mit den jungen Leuten wie mit normalen Menschen reden, was ja heute selten ist.

Bitte verstehen Sie mich recht, aber es ist für eine alte Frau wie mich richtig erfrischend zu sehen, daß es noch nette junge Menschen gibt, die noch dazu, wie ich im Gespräch hören durfte, von Ihrer Organisation dazu angehalten und erzogen werden. Mein Respekt! Auch wenn ich nicht allem zustimmen konnte, was die jungen Leute lagen, so kann ich doch sagen, daß eine politische Organisation, die noch soviel Verantwortung für die Jugend zeigt, mein Vertrauen hat.

Und auch als ich dann zu Hause ihre Zeitung las, wie Sie gegen die häßlichen langen Haare bei jungen Menschen und auch gegen die aufreizenden Miniröcke der jungen Gören, die jedem natürlichen Schamgefühl, das wir Älteren ja noch zum Glück haben, Hohn spricht, Stellung bezogen haben, war ich angenehm überrascht; auch dass sie Albanien so loben, wo sowas anscheinend nicht zugelassen wird von verantwortungsvollen Staatsführern, hat mich gefreut. In so einem sauberen Staat möchte ich gerne leben!

Sie müssen dazu noch wissen, dass ich zwei Enkel habe, die beide kommunistische Jusos sind, und die man mit ihren weibischen Haaren nicht von Frauen unterscheiden kann. Als ich sie fragte, was denn die älteren Parteimitglieder dazu sagen, sagten sie in ihrer schnoddrigen Art: ‚Da kümmern die sich nicht drum!“

Nicht zuletzt deshalb war ich von ihrer vorbildlichen Parteijugend überrascht und nicht zuletzt deshalb weide ich mir jetzt öfter den ‚Roten Morgen‘ kaufen und mit China, wo Sie Jugend ja auch zur Ordentlichkeit erzogen wird, beschäftigen.

Halten Sie Ihre Jugend weiter zur äußeren und moralischen Sauberkeit an, und ich werde Sie bei der nächsten Wahl wählen.

Herzliche Grosse, E.G.

Kommentar der RM-Redaktion:

Liebe neugewonnene Leserin aus München, wir haben uns über Ihren Brief sehr gefreut. Er beweist uns, daß die Partei wirklich den Wünschen der Massen entspricht, wenn sie den schädlichen Einflüssen der Bourgeoisie auf die Jugend, aber auch auf die äitere Generation, eine Absage erteilt und den Kampf gegen den bewußt gesteuerten moralischen und kulturellen Zerfall aufnimmt.

Wir sind uns unserer Verantwortung dabei bewußt. Denn keine anderen Staaten als die sozialistischen Staaten China und Albanien, keine anderen Parteien als die wahrhaft marxistisch-leninistischen Parteien sind in der Lage, der Jugend und den älteren Menschen die moralischen und kulturellen Werte bewußt zu machen, für die es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Kommunistische Moral und kommunistische Kultur sind untrennbarer Bestandteil des revolutionären Befreiungskampfes gegen das Kapital und seinen Staat. Aus dem Proletariat und den unter seiner Führung kämpfenden Klassen und Schichten des Volkes gegen diesen gemeinsamen Feind allein können darum heute auch die Menschen erwachsen, die als wirkliche Helden der Massen bereit sind, ihr Leben für die Sache des Proletariats hinzugeben. Die Erziehung zu kommunistischer Moral und Kultur ist ein unabdingbarer Schritt auf diesem Weg.

19 Antworten to “Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten (KPD/ML): Sind lange Haare fortschrittlich? (1974)”

  1. X-cess said

    Die ältere Dame hielt bestimmt auch die Hitlerjugend für eine gute Idee. So lang die Jugend nur zur Ordentlichkeit und natürlichkeit erzigen wird, weibische Dinge unterlässt etc. Kann man ja alles machen, so lan man nur sagt es sei gegen das Kapital – ob das jetzt die Pseudo-Reolution oder der Faschismus ist…?

    Köstliche Entdeckung und Beweis für die Idiotie der K-Gruppen Sektierer.

  2. W.M. said

    Danke für den Artikel. Ein Highlight der frühen 70er-Jahre ML-Kultur. Deine einleitenden Worte fallen dagegen etwas dürftig aus und werden dem eigentlichen gegenstand des Artikels nicht wirklich gerecht. Immerhin ging es um so bedeutende Fragen, wie „kommunistische Moral“, (gibt es sie überhaupt? – Und wenn ja, wodurch unterscheidet sie sich von der „bürgerlichen“?) und den „Kulturkampf“, der sich zwangsläufig gegen die anglo-amerikanische Pop-Kultur richten musste und bereits in den 50er Jahren in der kommunistischen Bewegung, gerade in den Jugendorganisationen, leidenschaftliche Debatten auslöste (Swing, Jazz, Blues, Rock’n Roll). Insofern knüpft der Artikel an vergangene Diskussionen innerhalb der linken und kommunistischen Bewegung jener Zeit an. Er wirkt jedoch schon damals aus der Zeit gefallen und lächerlich, weil die Mehrheit der KPD/ML-Anhänger, eben so, wie die Anhänger der anderen ML-Gruppierungen einer Generation angehörten, die mit Brit-Pop und Hippy-Music aufgewachsen war und jeden Zentimeter längerer Haare als Sieg gegen die (spießige) Welt der Erwachsenen begriff.

    Gab es nicht aber auch gute Gründe, diese Art des Kultrurkampfes kritisch zu hinterfragen?

    Direkt für falsch halte ich es, wenn du schreibst: „ein vergeblicher Versuch der KPD/ML sich mittels verschwörungstheoretischer Pseudoanalyse populärkultureller Erscheinungen in das deutsche Spiesserherz einzuschleimen,…“

    Der Adressat war nicht „das deutsche Spießerherz“, sondern die „Arbeiterklasse in Deutschland“, was nicht identisch ist und da, wo es im Bewusstsein der beiden Überschneidungen gibt, ein Problem für jede fortschrittliche Bewegung in diesem Land existiert. Das war ja auch der Grund dafür, dass die Mitglieder anderer linker Gruppierungen, die zum Beginn der 70er Jahre ihre Kader in Industriebetriebe zur „Betriebsarbeit“ geschickt haben, ebenfalls zunächst mal den Gang zum Friseur vor sich hatten, eben so, wie die Illegalen, um im Proletariat schwimmen zu können, „wie die Fische im Wasser“. – Was ist falsch an so einer Strategie?

    Damit will ich keinesfalls den offen reaktionären Vorstellungen des Artikels, wie sie sich im Anti-Individualismus und den Ausführungen zur Sexualität offenbaren, das Wort reden. Damit war die KPD/ML weit hinter die Erkenntnisse linker und kommunistischer Gesellschaftskritik zurückgefallen und auch hinter die gesellschaftliche Wirklichkeit der BRD des Jahres 1973. Aber ich betone noch einmal: Sie stand nicht allein da, sondern war nur die lauteste der Parteien, die dazu besonders dümmlich etwas herausposaunte, was bis dahin in den meisten anderen ML-Gruppen und Zirkeln gang und gebe war und manche Genossen zu einer Art Doppelleben verdonnerte, indem öffentlich dem Prolet-Kult gefrönt wurde und in den eigenen vier Wänden Rolling Stones, oder wer auf sich hielt, auch schon mal Bowie oder Roxy Music hörte. Aber auch hier halte ich die Fragestellung, woher die Bereitschaft bei einem bedeutenden Teil der BRD-Jugend kam, eine derartige Bigotterie „freiwillig“, um des hehren Zieles der Revolution willen auf sich zu nehmen, für wesentlich interessanter, als die schlichte Hähme oder Denunziation dieser Haltung.

    Abschließend: Gerade die jüngsten „Reflexionen“ Fidel Castros über Bilderberger, Beatles und Adorno machen deutlich, dass es gute Gründe gibt, sich auch heute noch ernsthaft mit den angesprochenen Fragestellungen zu beschäftigen. Wenn es nicht auf der Ebene finsterster Verschwörungstheorien geschieht, kann das eine fruchtbare und lohnenswerte Debatte sein.

    • denke, dass da der leider letztes Jahr verstorbene Steve Hamilton bezüglich der Anpassung an eine teils imaginierte, teils reale ArbeiterInnenklasse da einiges richtig in einem 1980 verfassten Text unter Bezugnahme auf eigene Erfahrungen in der von ihn mit gegründeten Revolutionary Union (heute RCP) beschrieben hat … gehe davon aus, dass gerade in den politisch fortgeschritteneren Teilen der BRD- wie der US-ArbeiterInnenklasse derartige Anpassungsleistungen eher abgelehnt wurden, wohingegen die kulturell wie politisch „rückständigeren“ Teile der Klasse für KommunistInnen, unabhängig von deren Frisur oder sexuellen Orientierung wenig übrig hatten

      nun das Hamilton-Zitat:

      Before we move on, let me also touch on a related and even more controversial subject, the attitude toward homosexuality. There are many gays who have heard of the RU and for one thing only – the fact that it has been a vocal, avowedly anti-homosexual organization. Unfortunately, this attitude is not unique to the RU/RCP. Anti-homosexuality has long been the dominant attitude on this question within the communist movement. (Although this was not always the case, prior to World War II, communist parties often maintained ties with both the strong women’s and gay rights movements in Europe.)

      The anti-homosexual bias on the part of some RU leaders was bolstered up by this general anti-homosexual tradition in the communist movement so that there was little challenge within the ranks to the dominant anti-gay attitude. Later, and not coincidentally as the organization pushed ahead more arrogantly in a left-sectarian direction after 1972, a weak attempt was made to develop a theoretical justification (here, ironically, they had to resort to a little out-dated Freudianism) and an anti-gay policy within a year or two. (To understand ultra-leftism one has to understand the essential conservatism within the communist movement when confronted with unfamiliar issues.)

      Why was the homophobia so strong within the RU, and most of the rest of the Left for that matter? To adequately answer that would be interesting and I think productive, but would take us outside the scope of this article. Here are a couple of reasons that occur to me. One reason is that communists are always having to defend unpopular, un-American notions such as anti-racism and communism. It is nice to be like any other worker on something. By and large that is more possible on cultural issues in general and on something like that that, after all, has not much to do directly with workers vs. boss oppression. (Left economism, again). Also, I think it has to do with why anyone is homophobic, i.e., 1) fear of loss of sex role definition (as communists we want people to be tough, be fighters, so RU particularly tended toward glorifying the “macho” image for men); 2) puritanical reaction to sexual openness, greater flexibility in sexual expression that is suggested by homosexuality. (Communists have to demand self-sacrifice, some subordination of personal fulfillment to political tasks, and if they resent doing it they may be particularly bothered by the “hedonism” they perceive in the people around them.) I am well aware that many would consider such explanations somehow “non-political,” which is why an issue of this importance never is addressed in any depth.

  3. Ich habe noch einmal zwei kleine Beiträge verfasst, aus denen die doch etwas differenziertere Haltung verschiedener K-Gruppen zu langen Haaren und vor allem auch zum Haarerlass der Bundeswehr hervorgeht:

    http://www.mao-projekt.de/BRD/SRK/Bundeswehr_Haarerlass.shtml

    http://www.mao-projekt.de/BRD/KUL/Lange_Haare.shtml

    Analysen zur Popkultur etc. bzw. zur Bigotterie sind natürlich durchaus wünschenswert, kommen von mir aber sicher nicht mehr diesen Monat.

  4. […] Schulte“) Einen witzigen historischen Einblick bieten die Ausgaben der „Roten Fahne“ der „Kommunistischen Partei Deutschlands […]

  5. […] wahrscheinlich sehr wohl gefühlt in dieser Partei, die den langen Haaren den Kampf ansagte. (Via: Entdinglichung). Einen weiteren Einblick in die wundersame Welt der K-Gruppen bietet die Internetseite […]

  6. […] Der ganze Text beim Entdinglichung-Blog […]

  7. Unzeit-gemäß said

    Ich glaube nicht, dass es den Maoisten wirklich um Anbiederung an real existierende Bevölkerungsschichten ging.

    Man muss bedenken, dass dieses Pamphlet nicht von 1968 ist, sondern von 1974. Zu dem Zeitpunkt hatte sich die BRD-Gesellschaft ja bereits der ‚Beat-Mode‘ geöffnet (Schlagersänger, Fußballspieler, Werbung ect.) und gelernt, zwischen Jugendrebellion (= Thema für Sozialpädagogen und Journalisten) und Linksradikalismus (= Thema für die Verfassungschutz) zu unterscheiden. Das Hippie-Bashing der Maoisten entsprang wohl v. a. dem Wunsch, nicht mit dem verniedlichenden Etikett der ‚Jugendrebellion‘ belegt zu werden, sondern als Rrrrevolutionär ernst genommen zu werden und optisch die Traditionslinie von 1917 (gegenüber jener von 1968) zu betonen.

    • denke da eher, dass zumindest aus der illegalen KPD stammende KPD/ML-Häuptlinge wie Ernst Aust oder Willy Dickhut kulturell weitaus spiessiger als die/der durchschnittliche BRD-BewohnerInnen waren, anders als Semmler, Horlemann, Schmierer & Fücks mussten diese diese 1969/70 gar nicht erst zur „Liquidierung der antiautoritären Phase“ mittels Maskierung als „Dritte-Periode-KPD“ schreiten sondern waren immer „ganz sie selbst“

  8. Ich bin mal mit kurzen Haaren auf ne KBW-Demo in meinem Heimatdorf. Da hat mich von den rund 300 Genossen, die mich fast alle ca. 4 – 5 Jahr kannten, keiner wiedererkannt….

  9. […] eines breiten Bündnisses zu einem Smoke-In in Rahlstedt aus dem heissen Sommer 1976, welches die KPD/ML bestimmt nicht gut gefunden hat, einen herzlichen Dank und liebe rote Grüsse an das provisorische […]

  10. […] dazu ergänzend: https://entdinglichung.wordpress.com/2010/10/12/kommunistische-partei-deutschlandsmarxisten-leniniste…. GA_googleFillSlot("468x60_default"); […]

  11. […] wit­zi­gen his­to­ri­schen Ein­blick bie­ten die Aus­ga­ben des „Roten Mor­gen“, der „Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei […]

  12. north face jakker said

    No matter the ending is perfect or not, you cannot disappear from my world.

  13. online free dating sites said

    Perfect just what I was searching for! .

  14. […] aus der Serie Trotzkistische Musik: Nicht nur die KPD/ML hatte Probleme mit Langhaarigen, wie dem unbedingt lesenswerten Artikel Cannonite Bohemians After World War II (als erweiterte […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: