Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Sylvin Rubinstein (1913-2011)

Posted by entdinglichung - 5. Mai 2011

In der Nacht zum 30. April starb in Hamburg im Alter von 98 Jahren Sylvin Rubinstein: Flamenco-Tänzer, antifaschistischer Widerstandskämpfer, Internationalist und Überlebender der Shoah:

4 Antworten to “Sylvin Rubinstein (1913-2011)”

  1. J.B. said

    Sylvin Rubinstein – der Tänzer und Widerstandskämpfer ist gestorben
    In der Nacht zum 30. April starb in Hamburg Sylvin Rubinstein im 98 Lebensjahr. Er wurde am 4.Mai 2011 auf dem jüdischen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf begraben. (siehe die Traueranzeige in der TAZ-Hamburg vom 04.05.)
    “Es war ein schwerer Abschied von einem mutigen Leben” schreibt sein Biograph Kuno Kruse in einer Email.
    Kuno Kruse berichtet über seine Begegnungen mit Sylvin Rubinstein:
    Ein Major der Wehrmacht, der aus einer Theatergruppe unter seinen Kameraden einen Widerstandskreis aufbaute, der jüdische Kinder bei Nonnen versteckte und mit Partisanen gegen die Nationalsozialisten arbeitete. Fallschirmagenten, Sender, Attentate – das war Kino, was mir der alte Mann da erzählte. Ich konnte es nicht glauben.
    Das war vor fünf Jahren, als ich etwas über die Legenden von Kiez schreiben wollte, und mein alter Freund Fritz Hansen, der viele von den Alten aus seiner Arztpraxis kannte, sagte: „Komm mit zu Dolores.“
    Da saß ich in der Küche dieses Tänzers, der in seinen Erzählungen Atemlosigkeit entstehen läßt und Trauer, unter der er selbst zusammenbricht. Der den Glanz des Berliner Varietés zurückbeschwört, und die Qualen des Warschauer Gettos. Szenen, die einander überdecken, unauslöschliche Bilder, die ihn quälen, nicht schlafen lassen und jede Chronologie zerreißen. Nur langsam wurde aus dem Zuhören auch Verstehen.
    So ist in vielen Tagen und Nächten ein Buchmanuskript daraus entstanden. Und daraus ein Film, denn dieses Schicksal rief nach Dokumentation. Zusammen mit dem erfahrenen polnischen Filmer Marian Czura gingen wir auf die Reise durch eine gelebtes Leben. Wir sahen das galizischen Stedtl, in dem Sylvin Rubinstein mit seiner Schwester Maria aufwuchs und in dem heute kein Jude mehr lebt. Wir folgten den Tourneen des Tanzpaares nach Berlin, Lemberg, Warschau. Dort standen wir vor der Kirche, vor der Rubinstein gestanden hatte, 1940, als der deutsche Offizier auf ihn zuritt und fragte: „Sind sie nicht der Tänzer aus der Scala in Berlin?“ Eine Begegnung die zum Schicksal wurde. Und wir gingen durch die kleine Stadt Krosno in Südpolen, in der ein deutscher Major den verfolgen Juden zum Kämpfer machte. Immer wieder brach Rubinstein aus, stieß die Kamera um, die er nicht ertragen konnte, haderte mit uns, die wir ihn immer wieder seinen Erinnerungen aussetzten, meinte Mißtrauen zu spüren, wenn wir immer wieder nachfragten.
    Und wir schämten uns für unsere Zweifel, als wir beim Drehen auf Zeitzeugen stießen, die uns über den Tänzer erzählten, was der längst vergessen hatte oder lieber verschweigen wollte. Das war der Werkstattmeister, bei dem Rubinstein zum Tee kam, und jedes Mal um ein paar Granaten feilschte. Da war die Tochter des Partisanen, der vier SS-Männer erschossen hatte, weil sie Rubinstein mit einem Sender erwischten, da war der inzwischen alt gewordene Junge, der mit Rubinstein nachts die Lebensmittel an der Straße versteckte, dort, wo morgens die ausgehungerten jüdischen Kolonnen Steine schleppen mußten. Da waren die Nonnen die von den versteckten jüdischen Kindern erzählten. Da war die Dame, die die Tür öffnete, Rubinstein sah und sagte: „Wir haben sechzig Jahre auf Sie gewartet.“
    Wir gingen durch ein polnisches Dorf, in dem die Alten ihren Enkeln noch von dem Artisten erzählen, der die Juden auf den Dachboden brachte und sich davor genierte, vor der Kuh im Stall nackt zu waschen. Wir sprachen mit Zeitzeugen, die sich noch an die Farbe seiner Schuhe erinnerten und nach dem Major fragten. Dann stießen wir in Berlin auf alte Amateurfilme eines Kameraden des Majors, die die Truppe zeigte, die Bauernmärkte, die Nonnen mit den Waisenkindern, und die Juden der Kleinstadt, die zu Arbeitseinsätzen abmarschieren mußten. Und die Rubinstein zeigten, wie er 1942 in Frauenkleidern getarnt über den Marktplatz spazierte.
    Und endlich faßten wir das Unfaßbare.
    Von der Website: http://www.kunokruse.de/deutsch/leben.htm

    Was bleibt ist das Buch von Kuno Kruse: “Dolores & Imperio – Die drei Leben des Sylvin Rubinstein” (leider nur noch antiquarisch erhältlich, hoffentlich wird es bald neu aufgelegt) und der dazugehörige Film.
    Sylvin Rubinstein (* 1914 bei Moskau; † 30.April 2011 in Hamburg) war ein russisch-polnischer, jüdischer Flamenco-Tänzer und Widerstandskämpfer. Siehe:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sylvin_Rubinstein
    ————-
    Film im Hamburger Metropolis-Kino 15. Mai 2011: Sylvin Rubinstein: „Er tanzte das Leben“
    Deutschland 2003, von Marian Czura, 90 Min.
    Der Film erzählt das bewegte Leben des heute in Hamburg St. Pauli wohnenden, 1914 bei Moskau geborenen jüdischen Flamencotänzers Sylvin Rubinstein. Mit seiner Zwillingsschwester wurde er in den großen Varietés Europas gefeiert. Beide fliehen aus dem Warschauer Ghetto. Sie sahen sich nie wieder. Nach dem Krieg, in Deutschland, wurde er auf der Bühne zu Dolores. Ihr huldigt und gedenkt er im Tanz.
    Sonntag, 15. Mai 2011, 17 Uhr Kommunales Kino METROPOLIS, Steindamm 52/54 – 20099 Hamburg
    in Zusammenarbeit mit dem VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Landesvereinigung Hamburg). http://www.hamburg.vvn-bda.de/termine/ und http://www.metropoliskino.de/

    Er tanzte das Leben erzählt das bewegte Leben des zuletzt in Hamburg St. Pauli wohnenden, 1914 bei Moskau geborenen und am 30.04.2011 verstorbenen jüdischen Flamencotänzers Sylvin Rubinstein
    http://de.wikipedia.org/wiki/Er_tanzte_das_Leben
    —–
    Übrigens: Das St. Pauli-Archiv in Hamburg hat (bzw. hatte) den Film zu Sylvin Rubinstein zur Ausleihe. St. Pauli-Archiv e.V., Wohlwillstr. 28, 20359 Hamburg, Tel: 040 – 319 47 72.

  2. Traute Springer-Yakar said

    Vielen Dank für diese ausführliche Würdigung von Sylvin Rubinstein.

    Vielleicht wird es Euch auch interessieren, dass es am 15. Mai 2011, 17:00 Uhr, im Metropolis-Kino am Steindamm 52-54 eine Hommage für Sylvin Rubinstein geben wird. Der Regisseur des Filmes wird anwesend sein. Wir hatten die Vorführung des Filmes schon längere Zeit geplant, bei der Ankündigung hatte auch Sylvin Rubinstein gesagt, dass er gerne zur Film-Vorführung kommen würde.

    Veranstalter sind die VVN-BdA Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes -Bund der Antifaschisten und das Kommunale Kino Metropolis.

    Beste Grüße
    Traute Springer-Yakar

  3. hust said

    http://www.bellastoria.de/sylvin-rubinstein
    Am 30. April 2011 starb in Hamburg Sylvin Rubinstein, jüdischer Widerstandskämpfer und Flamenco-Tänzer im Alten von 98 Jahren.
    Am 30. April 2006 trat Sylvin Rubinstein in der Roten Flora in Hamburg Hamburg auf.
    In einem Land, in dem der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer schützend seine Hand über Adolf Eichmann hielt, konnte Sylvin Rubinstein für seinen – oftmals mit der Waffe in der Hand ausgetragenen – Kampf gegen den Nationalsozialismus keine offizielle Würdigung erwarten. Gewürdigt wurde er von dem polnischen Regisseur Marian Czura und dem Journalisten Kuno Kruse, die beide der Person Sylvin Rubinstein und seiner Lebensgeschichte mit dem Dokumentarfilm Er tanzte das Leben und dem Buch Dolores & Imperio (Kiepenheuer & Witsch) zur verdienten gesellschaftlichen Erinnnerung verhalf. Der Kurzfilm aus der Roten Flora mit den freundlich genehmigten Filmzitaten aus dem Film von Marian Czura/Kuno Kruse möchte ebenso die Erinnerung an einem mutigen Menschen befördern, der sich dem Menschheitsverbrechen der Mehrzahl der Deutschen im Nazireich entgegen gestellt hat.

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