Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Hinweis auf einen Debattenbeitrag zu „Neue Antikapitalistische Organisation ? Na endlich ! Worüber müssen wir uns verständigen und worüber nicht „

Posted by entdinglichung - 17. Mai 2011

auf Theorie als Praxis scheint (endlich) eine Debatte zum im März auf trend veröffentlichten Text (auf dieser Seite wurde hier darauf verwiesen) der Sozialistische Initiative Berlin-Schöneberg: Neue Antikapitalistische Organisation ? Na endlich ! Worüber müssen wir uns verständigen und worüber nicht zustande zu kommen: Antikapitalistisch ist nicht revolutionär genug!

17 Antworten to “Hinweis auf einen Debattenbeitrag zu „Neue Antikapitalistische Organisation ? Na endlich ! Worüber müssen wir uns verständigen und worüber nicht „”

  1. moribundo said

    der trendtext schaut durchwegs so aus
    le �Selbstreferenzialit�t�, keine erkennbare strategische Ausrichtung (�Eventhopping�
    d.h. voller Fragezeichen und nicht lesbar

    Wobei damit unterscheidet er sich ja nicht von anderen linksradikalen Texten

  2. Unzeit-gemäß said

    Offizielle Stellungnahme:

    1. Die Erwartung (konter)revolutionärer Zuspitzungen in der EU, vielleicht sogar in Deutschland, ist nicht unrealistisch. An der EU-Peripherie gehen Staaten nicht zuletzt dank der deutschen Dumpinglohnstrategie pleite, Absazmärkte könnten wegbrechen, in jedem Fall aber wird der hiesige Prolet für die ‚EU-Rettungspakete‘ (letzlich für die deutschen Banken) zahlen müssen. Verdrängungseffekte und Abwärtsspirale haben sicherlich ein neues Ausnaß angenommen.

    2. Verhältnis zur LINKEN: Vielleicht sollte man gar nicht so sehr damit beschäftigen. Die LINKE zu wählen nützt nix, schadet aber auch nicht. In dem Votum für diese Partei drückt sich ein rudimentäres Klassenbewußtsein aus, aber auch eine gewisse Hilflosigkeit (Aufblicken zu charismatischen Talkshow-Promis, Hoffen auf Schutzgesetze für die kleinen Leute). Grundsätzlich gilt: nicht mit den Leuten über ihr Wahlverhalten diskutieren, sondern über die Möglichkeit von Streiks u. ä.

    3. Prekariat: Man muss auch die Umverteilungsprozesse innerhalb der Arbeiterklasse sehen. Große Teile der Lohnabhängigen in Deutschland haben immer noch Lohnzuwächse. Diese sind froh, dass ihre Firma billige Leiharbeiter beschäftigt und nicht bei der Kernbelegschaft spart. Und sie sind als Einkommenssteuerzahler daran interessiert, dass die EU die Spardiktate an der EU-Peripherie hart durchsetzt. Hier drängt sich der alte Begriff der Arbeiteraristokratie auf.

    4. Tripple Opression: Den Ansatz halte ich für falsch. Nicht weil Patriarchat und Rassismus kapitalismusbedingt seien (sind sie nicht), sondern gerade umgekehrt: weil der Kapitalismus die Tenzenz hat, alle anderen Ungleichheiten durch Die Eine Ungleichheit von verwertbar und nicht-verwertbar zu ersetzen. Selbst in der CDU fordern manche jetzt staatliche Kinderganztagsbetreuung, um weibliche Arbeitskraft verfügbar zu machen, und die FDP fordert ganz weltoffen die Einwanderung ’nützlicher‘ Dunkelhäutiger. Auch die Auslagerung und Monetarisierung der Hausarbeit hat bereits begonnen (natürlich nur für Mittelschichtsfamilien, an verfügbaren Unterschichtsarbeitern besteht ja kein Mangel).

    5. Stalinismus: Stalinist (jetzt von den einfachen Aktivisten, nicht den Dikatoren sprechend) ist man i. d. R. nicht aus Bösartigkeit, sondern aus Wunschdenken und Trotz heraus: Der Staat, der sich auf den Roten Oktober berief und zum Sieg über die Nazis wesentlich beitrug, muss doch gut und sozialistisch gewesen sein, das lässt man sich nicht schlechtreden. Da spielt viel Familientradtion, Folklore und Identität mit rein. Man sollte mit Stalinisten weniger über die Vergangenheit und mehr über die Gegenwart und Zukunft debattieren.

    6. Der Feind meines Feindes: Völlig richtig, Äquidistanz zu „Antimperialisten“ und „Antideutschen“. Aus Konflikten, bei denen es nur um Hoheitsgebiete, Geostrategie und rivalisierende Eliten geht, sollten Linke sich raushalten.

    7. Islam/Einwanderung: Der Säkularismus in Schule und Familienrecht darf nicht zur Debatte stehen, weder Bibel- noch Koran-Unterricht.

    • inoffizielle Antwort:

      zu 1.: sehe ich genauso, das Problem wird beim derzeitigen niedrigen Stand des Klassenbewusstseins der Lohnabhängigen in der BRD sein, dass sich das (ohne dass die Bourgeoisie allzuviel Vorbereitungen treffen muss) gegen „die da unten in den Urlaubsländern“ richten wird … dagegen zu halten ist mit der Parole einer „revolutionären Mediterranisierung der BRD“

      zu 2.: gleichzeitig aber vorbereitet sein, den Enttäuschten aus DIE LINKE, die mehr woll(t)en als eine altsozialdemokratische Wahlpartei „etwas anzubieten“

      zu 3.: ständische Interessenvertretungen von Lohnabhängigen haben in der BRD (und nicht nur dort) durchaus eine alte und lange Tradition, aus diesem Grunde bin ich auch bezüglich der GDL eher skeptisch, da die Geschichte zeigt, dass sich konsequente, durchaus konfrontative Durchsetzung von Interessen gegen „die da oben“ mit regressiven Ideologien und Schlägen gegen „die da unten“ verbindbar ist (DHV 1890-1933, rumänische Bergarbeitergewerkschaften in den 1990ern)

      zu 4.: historisch aber konnte der Kapitalismus sich aber nur rassistisch und patriarchal entwickeln, ein nichtrassistischer und nichtpatriarchaler Kapitalismus ist zwar logisch und abstrakt denkbar aber historisch-praktisch unmöglich, da die Lasten der Vergangenheit und die trägen Ideologien nicht einfach abgestreift werden können; bezüglich patriarchaler und rassistischer Strukturen steht das (strukturell amoralische) Kapital vor dem Dilemma, dass diese sowohl Hindernis (bezüglich der Verfügbarkeit der Ware Arbeitskraft) andererseits auch Notwendigkeit (Reproduktion der Ware Arbeitskraft, Extraprofite durch unfreie Arbeit, Spaltung der Klasse, etc.) waren bzw. sind … zum Triple Oppression-Ansatz ist zu sagen, dass er vom Anspruch her richtig und sympathischaber in aller Regel analytisch ungenügend ist und vor 20 Jahren als billige Begründung zur Nichtbeschäftigung mit der Klasse instrumentalisiert wurde

      zu 5.: insgesamt gilt, dass Praxis und Programm wichtiger als Paraphernalia und historische Narrative sind; das Lernen aus der Erfahrungen der Vergangenheit und der Bruch mit den (nicht nur stalinistischen und sozialdemokratischen) Sackgassen der radikalen Linken sollte inhaltlich-praktisch und nicht in Form von Reinigungs-Ritualen und Bekenntnishuberei erfolgen … Leute die nach einer Alternative suchen, schliessen sich in aller Regel dem Laden an, der vor Ort verfügbar ist und wo praktisch-lebensweltlich Sinn macht, nicht dem, der absolute Wahrheit oder totale Reinheit verspricht

      zu 6.: auf lokaler, landesweiter und internationaler Ebene gilt: unsere Verbündeten sind diejenigen, welche sich für die Ueberwindung von allen Formen von Ausbeutung und Unterdrückung einsetzen … ansonsten sind viele Linke bezüglich ihrer Imperialismusanalyse leider bei Instantversionen älterer Ansätze steckengeblieben, die Aktualisierung einer kommunistischen Imperialismustheorie ist bitter notwendig

      zu 7.: d’accord … ansonsten: Freies Fluten!

      Nachtrag: zum Thema lesenswert ist der Artikel The need for a reality-based left von David Osler

  3. TaP said

    Noch eine Antwort:

    zu 1.: Eine weitere Zuspitzung der sozialen Auseinandersetzungen in der südlichen EU-Peripherie mag möglich sein. Auch dort scheint es mir aber an theoretisch und organisatorisch hinreichend qualifizierten und in den Massen verankerten Kernen zu fehlen, die in der Lage wären, diese Auseinandersetzungen in eine auch nur vorrevolutionäre Lage zu verwandeln. Solange dem so ist, werden auch ‚die Herrschenden‘ weiterhin unter strikter Beachtung des „Verhältnismäßigkeitsprinzips“ agieren.

    zu 2.: Ja zu Unzeit-gemäß und Entdinglichung.

    zu 3.: Die von von Unzeit-gemäß angesprochene (ökonomische und politische) Spaltung der Klasse der Lohnabhängigen scheint mir – auch innerhalb der radikaleren bis revolutionären Linken – das zentrale Problem der Linken zu sein: Stammbelegschaften versus unterschiedliche Fraktionen von Prekarisierten; ArbeitER-Traditionalismus versus PoMo-Kulturalismus.

    zu 4.: Einverstanden mit Endinglichung – allerdings skeptisch wegen des letzten Halbsatzes: „vor 20 Jahren als billige Begründung zur Nichtbeschäftigung mit der Klasse instrumentalisiert wurde“. Für den Abschied der deutschen Autonomen von ‚der Klasse‘ bedurfte es wohl nicht erst des triple opression-Ansatzes. Die (west)deutschen Spontis und Autonomen waren schon immer weniger klassen- und betriebsorientiert – was aber nicht notwendiger heißt: feministischer und antirassistischer – als bspw. die ital. autonomia operaia.

    zu 5.: Zustimmung insb. zu Unzeit-gemäß: „Man sollte mit Stalinisten weniger über die Vergangenheit und mehr über die Gegenwart und Zukunft debattieren.“ – Sollte die Sache in Gang kommen (wobei ich diesbzgl. weiterhin skeptisch bin) würde ich bspw. „Trotz alledem“ (vgl. 1 und 2) – wenn ich recht sehe die ehemalige BRD-Auslandssektion der türkisch-kurdischen Organisation Bolschevik Partizan – gerne dabei haben, wobei bei denen das ‚folkloristische Element‘ für deren Haltung zur ‚Stalin-Frage‘ vermutlich sogar eine geringere Rolle spielt als bei Linkspartei- und DKP-Stalinisten (die Haltung der ersteren also – sozusagen – ernsterzunehmen / schwerwiegender ist).

    zu 6.: Zustimmung zu Unzeit-gemäß und Entdinglichung.

    zu 7.: Widerspruch zur Sozialistische Initiative Berlin-Schöneberg: „Es gibt keine ‚Kopftuchpflicht‘ im Koran, insofern hat das nichts mit religiöser Selbstbestimmung zu tun (auch wenn das viele Muslima natürlich subjektiv anders sehen), sondern v. a. mit religiös verbrämter patriarchalischer Unterdrückung der muslimischen Frauen.“
    Ich würde sagen: Mit dem Kopftuch verhält es sich nicht anders als mit den Kindern: Ob Kopftuch oder keines – entscheidet jede alleine.
    Wer/welche wirklich freiwillig (!) ein Kopftuch tragen will (egal aus welchen – u.U. wie irrtümlich auch immer – Gründen) soll dies tun dürfen. – Das wirklich schwierige Problem scheint mir zu sein, inwieweit unter gegenwärtigen Bedingungen rechtliche Interventionen des Staates (und das heißt des bürgerlich-patriarchal-rassistischen Staates) hilfreich sein können, um eine wirkliche Freiwilligkeit der Entscheidung sicherzustellen. Da wäre ich grundsätzlich sehr skeptisch (die gerade eingeführte Sondergesetzgebung zu Zwangsehen, ergänzend zur ohnehin bestehenden Strafbarkeit von Nötigung, scheint mir den Frauen praktisch wenig zu nutzen, aber starke kulturkämpferische, euro- und christentum-zentristische Symbolik zu sein); ich würde aber auch nicht von vornherein jede vielleicht denkbar Regelung ausschließen. Also: schwieriges Thema.
    Ja, gegen jedweden staatlichen Religionsunterricht, mit dieser Anti-Position bin ich einverstanden.

    • zu 1.: zumindest sind die Ausgangsbedingungen am Mittelmeer weitaus besser als in der BRD: subjektiv revolutionäre Kräfte sind in einigen dortigen Ländern immerhin wahrnehmbare Kräfte

  4. TaP said

    Veranstaltung am 22.6. in Berlin und weitere Texte zum Thema:

    http://www.trend.infopartisan.net/trd0511/t640511.html

  5. […] entdinglichung bei Fundació Andreu Nin zu 15-MTaP bei Hinweis auf einen Debattenbeitrag zu „Neue Antikapitalistische Organisation ? Na endlich ! Wor…Autor bei Fundació Andreu Nin zu 15-MUnzeit-gemäß bei autonome gruppe 1. mai: Kapitalismus […]

  6. […] einer neuen antikapitalistischen Organisation ein Schritt voran? « Entdinglichung bei Hinweis auf einen Debattenbeitrag zu „Neue Antikapitalistische Organisation ? Na endlich ! Wor…entdinglichung bei Fundació Andreu Nin zu 15-MTaP bei Hinweis auf einen Debattenbeitrag zu […]

  7. […] gilt das, was Unzeit-gemäß schon anderswo festgestellt hat, mensch sollte auch mit diesen weniger über die Vergangenheit und […]

  8. […] Mitte Mai mehrere Wortmeldungen zum Schöneberger Papier bei entdinglichung.wordpress.com Share and […]

  9. […] ► Hinweis auf einen Debattenbeitrag (17.05.2011) von Entdinglichung (mit bisher 10 Kommentaren) entdinglichung.wordpress.com/2011/05/17/hinweis-auf-einen-debattenbeitrag-zu-neue-antikapitalistisch… […]

  10. […] Mitte Mai mehrere Wortmeldungen zum Schöneberger Papier bei entdinglichung.wordpress.com Share and […]

  11. […] erfolgreich zu bekämpfen. Da bin ich skeptisch, […].“ Vgl. dazu auch noch die vom blog Entdinglichung gefundene Formulierung: „historisch aber konnte der Kapitalismus sich aber nur rassistisch und […]

  12. […] Unzeit-gemäß setzte dagegen in dem blog Entdinglichung die Akzente anders: „Man sollte mit Stalinisten weniger über die Vergangenheit und mehr über die Gegenwart und Zukunft debattieren.“ […]

  13. […] einem Kommentar im blog Entdinglichung kommentiert hatte ich dazu angemerkt: „Ich würde sagen: Mit dem Kopftuch verhält es sich nicht anders als […]

  14. […] erfolgreich zu bekämpfen. Da bin ich skeptisch, […].“ Vgl. dazu auch noch die vom blog Entdinglichung gefundene Formulierung: „historisch aber konnte der Kapitalismus sich aber nur rassistisch und […]

  15. […] Unzeit-gemäß setzte dagegen in dem blog Entdinglichung die Akzente anders: „Man sollte mit Stalinisten weniger über die Vergangenheit und mehr über die Gegenwart und Zukunft debattieren.“ […]

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