Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Norderstedter Kleingartenverein beschliesst Ausländerquote

Posted by entdinglichung - 6. Dezember 2011

Aus dem Artikel „1/2 sonstiger Herkunft“. Kleingärtner beschließen „Migrationsanteil“ – Nazis applaudieren auf der Webseite des Infoarchiv Norderstedt:

„Rassismus ist in der deutschen Gesellschaft weit verbreitet, offen zur Schau gestellt wird er allerdings nur selten. Am 30. Oktober entschieden sich die Mitglieder des Norderstedter Kleingartenvereins Harksheide-Kringelkrugweg da etwas „freigeistiger“: Sie beschlossen unter dem kurzfristig auf die Tagesordnung genommenen Punkt „Neuaufnahmen“, künftig einen „Migrationsanteil“ von 12,6% durchzusetzen, davon „1/4 türkisch/arabischer, 1/4 ost-europäischer, 1/2 sonstiger Herkunft„. Nun droht die Stadt mit Kündigung des Pachtvertrages.

Weil es zuvor mehrfach zu Beschwerden über MigrantInnen unter den „Gartenfreunden“ gekommen sei und erste Vereinsmitglieder ihren Austritt androhten, hatten Gerd Kühl und Manfred Ray, ihres Zeichens Vorsitzender des Kleingartenvereins, für die Mitgliederversammlung kurzfristig einen Vorschlag ausgearbeitet. Die 70 anwesenden Mitglieder sollten am 30. Oktober mehr oder weniger spontan über vier Möglichkeiten des künftigen Umgangs mit Neuaufnahmen abstimmen: Die Begrenzung des „Migrationsanteils“ der Anlage auf künftig 12,6% („wie in Schleswig-Holstein„), auf 27% („wie in Hamburg„), bzw. auf 19,2% („wie im Bundesdurchschnitt„) – oder eben keinerlei Begrenzung. Außerdem wollte Kühl noch eine Verteilung der „Migration“ auf die Herkunftsregionen vornehmen. Am Ende entschieden sich 59 der 70 Anwesenden für eine Begrenzung, darunter alleine 41 Mitglieder für die kleinste vorgeschlagene Quote. Der Beschlussfassung vorausgegangen war eine offenbar hitzige Debatte, in deren Verlauf Kühl unter anderem als „Nazi“ tituliert wurde. Das Protokoll vermerkt dazu: „Die sich anschließende Diskussion verlief nicht immer mit der erforderlichen Sachlichkeit. So betitelte ein Mitglied die Diskutierenden mit Nazis und hielt dem Vorsitzenden vor: Wir hatten schon mal einen Führer, allerdings mit Bärtchen„. Da der Anteil an MigrantInnen in der Anlage zur Zeit bei rund 18% liegt, müssten nach dem Beschluss der Mitgliederversammlung möglicherweise sogar einzelne Mietparteien herauskomplimentiert werden.

Hintergrund der ganzen Aufregung sind übrigens weder Verstöße gegen die Vereinssatzung noch gravierendes Fehlverhalten der migrantischen Kleingärtner – die nämlich haben sich laut Kühl sehr wohl an der Gemeinschaftsarbeit beteiligt und sich darüber hinaus eigentlich nichts zuschulden kommen lassen. Verärgert und enttäuscht sei man allerdings darüber, dass sie nicht zu Versammlungen kommen und sich nicht in Diskussionen einbringen – außerdem erzählt man sich, dass die MigrantInnen am Kringelkrugweg vor allem (und erfolgreich) Gemüse ziehen, anstatt die ortsüblichen Ziergärten anzulegen. Für einige deutsche Kleingärtner offenbar ein Unding.

Nicht nur eine heute eingegangene Presseerklärung aus der neonazistischen Kameradschaftsszene … oder erschöpfende Ereiferungen rechter Verschwörungstheoretiker zeugen davon, dass die Kleingärtner vom Kringelkrugweg nicht alleine stehen, auch Leserbriefe in bürgerlichen Medien zeichnen zumindest das Bild einer gespaltenen Leserschaft: So meldeten sich im Hamburger Abendblatt schon am Tag nach einer Veröffentlichung zum Thema zwei BürgerInnen zu Wort und begrüßten die Vorgehensweise der Mitgliederversammlung ausdrücklich: Die Entrüstung des Bürgermeisters könne man nicht verstehen, so der Tenor, „der Aufschrei der Gutmenschen“ zeige nur, dass die nicht in der Realität angekommen seien.“

2 Antworten to “Norderstedter Kleingartenverein beschliesst Ausländerquote”

  1. Unzeit-gemäß said

    Das müssen die Stimmen der Harksheider und Glashüttener gewesen sein, überhaupt merkwürdige Gesellen. Der Garstedter an sich, dem Hanseaten verwandt, war ja schon immer weltoffener.

    • wobei ich mich entsinnen kann, dass wir bspw. (auch zu unserem Erstaunen) 1992 bei der Analyse des Landtagswahlergebnisses feststellten, dass anders als erwartet DVU & REP nicht in den uns durch stärkere Stiefelnazi-Aktivitäten (bis hin zu offenem Terror) aufgefallenen Ortsteilen Harksheide und Glashütte (SPD-Hochburgen) sondern in den bürgerlicheren Ortsteilen Friedrichsgabe und Garstedt einen höheren Stimmenanteil erreichten … wäre eine Untersuchung wert, wie das heute aussieht

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