Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Hinweis auf zwei Artikel aus der aktuellen Avanti

Posted by entdinglichung - 2. April 2012

die April-Ausgabe der Avanti … mit zwei empfehlenswerten Artikeln:

Das antisemitische Tattoo von Helmut Dahmer:

„…

Der Judophobe glaubt es besser zu wissen. Der Antisemitismus stellt ihm ein Dispositiv zur Verfügung, einen „kulturellen“ (oder subkulturellen) „Code“, der sich in der Kette vieler Generationen auskristallisiert hat, die sich gegen eine allzu strenge, sie überfordernde Vaterreligion und gegen den Übergang von der Natural- in die Geld- und Renditenwirtschaft sträubten. Das Dispositiv liefert ihm eine „Weltanschauung“, nämlich eine einfache „Erklärung“ für seine Misere. Zugleich stellt es ihm eine Matrix zur Strukturierung und Ausrichtung seiner Affekte zur Verfügung. Es exkulpiert und nobilitiert ihn und seinesgleichen, indem es die vermeintlich „wahren Schuldigen“ benennt und ihn zu deren „Bestrafung“ ermächtigt. Schuld sind die „Fremden“, die an „Anderes“ glauben und Anderes praktizieren, die Artisten der Abstraktion, die Geld und Geist monopolisiert zu haben scheinen. Durch Adoption des Dispositivs, eine Art Konversion, gewinnt er zudem Anschluss an die informelle, verschwiegene Aberglaubensgemeinschaft der Antisemiten, eine zerstreute Masse, die sich gern zum Pogrom zusammenrottet, sofern sie die staatliche Exekutive und die schweigende Mehrheit hinter sich weiß.

Für ich-schwache, autoritäre Charaktere, die intellektuell der Komplexität der modernen Gesellschaft nicht gewachsen und darum süchtig nach Komplexitäts-Reduktion sind, die sich (und Ihresgleichen) durch alles, was sie als fremdartig empfinden, was anders ist und solches Anderssein behauptet, zutiefst irritiert, ja, provoziert fühlen, ist das antisemitische Dispositiv ein verführerisches Angebot. Seine Adoption besiegelt ihre Erfahrungs-Unwilligkeit und macht sie zu „closed minds“. So werden sie tauglich für die „counterphobic action“, den lebenslangen Kampf gegen „die Juden“ und „die“ Fremden, gegen alles „Jüdische“ und „Andere“, gegen Fremdkörper und Störenfriede in der ersehnten homogenen Gemeinschaft der judenfeindlichen Volksgenossen.

…“

sowie Warum wir beschleunigt werden (wollen) von Klaus Engert

„…

Die Beschleunigung aller Lebensbereiche in den letzten 150 – 200 Jahren, also in der Phase des Industriekapitalismus, hat inzwischen ein nachgerade lebensbedrohliches Ausmaß erreicht, und zwar sowohl auf der individuellen wie auf der gesellschaftlichen Ebene. Auf der individuellen, sprich gesundheitlichen Ebene nehmen die psychischen und physischen Folgen des „Zeitdrucks“, z. B. die sogenannten „Stresserkrankungen“, exponentiell zu, auf der gesellschaftlichen droht der Geschwindigkeitswahn unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Im Zentrum steht dabei der Klimawandel.

Wenn wir diesen Globus nicht endgültig ruinieren wollen, müssen wir erheblich langsamer werden. Und auch hier gilt das Prinzip der Wechselwirkung: Sich persönlich vorzunehmen, „langsamer“ zu werden, ist ein guter Anfang. Aber es reicht nicht. Der Akkordarbeiter am Band zum Beispiel hat diese Entscheidungsfreiheit nicht. Die Einsicht in die Notwendigkeit der „Entschleunigung“ ist die Einsicht, dass es die Verhältnisse umzuwerfen gilt, die uns zum Sklaven der Stopp- und Stechuhr, der just-in-time- Produktion und damit des „citius, altius, fortius“ gemacht haben.

…“

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