Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Lesehinweis: ‚Das Multiversum – Problemfelder der globalen Klassenanalyse‘ von Karl-Heinz Roth

Posted by entdinglichung - 9. April 2012

Das Multiversum – Problemfelder der globalen Klassenanalyse von Karl-Heinz Roth in der aktuellen Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung:

„Soweit ich es überblicke, ist es im marxistischen Diskurs seit längerem üblich, das Postulat der hegemonialen freien Lohnarbeit auf die sozial geschützten, lebenslang garantierten und relativ hoch entlohnten Arbeitsverhältnisse der „goldenen“ 1950er und 1960er Jahre zu projizieren, in denen die Ausbeutungsverhältnisse wohlfahrtsstaatlich abgemildert waren. Auf die damit verbundenen unzulässigen Verkürzungen und Gleichsetzungen will ich an dieser Stelle nicht eingehen. Aufschlussreich ist hingegen das Phänomen dieser Gleichsetzung selbst, denn es verweist auf eine bemerkenswerte Verquickung zwischen Sozialstaatsillusion und methodischem Nationalismus. Auch im „Goldenen Zeitalter“ war die wohlfahrtsstaatliche Abmilderung der kapitalistischen Ausbeutung auf die transatlantische Region begrenzt und spezifischen historischen und sozioökonomischen Konstellationen geschuldet. Als diese Voraussetzungen schwanden und der proletarischkapitalistische Akkumulationsprozess mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise von 1973 in einen neuen Zyklus eintrat, war diese Ära auch in der transatlantischen Region vorüber. Trotzdem haben so bedeutende Theoretiker wie Pierre Bourdieu oder Robert Castel diese Ära zum Leitbild erhoben, das es unter allen Umständen wieder herzustellen gelte. Ich halte diese Vorgehensweise für bedenklich, denn sie transportiert einen methodischen Nationalismus und EuroZentrismus mit sich, der den kritischen Gesellschaftsdiskurs von den Evidenzen des globalen Klassenkonflikts abtrennt. Es fällt uns nicht schwer, die machtpolitisch und/oder rassistisch besetzten Profile des Nationalismus zurückzuweisen, denn er ist unseren eigenen Diskursen fremd. Dagegen hält sich in der marxistischen Linken ein fataler methodischer Nationalismus, weil er in den Augen Vieler durch die – schon immer sehr ambivalent strukturierten – Versprechungen des sozialstaatlichen Klassenkompromisses legitimiert schien. Ich halte das für einen geschichtslosen und realitätsblinden Anachronismus. Es ist höchste Zeit, dass wir uns davon verabschieden und uns als „vaterlandslose Gesellen“ in das Konzert der globalen Massenkämpfe einbringen.“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: