Entdinglichung

… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)

Michael Staudenmaier: Truth and Revolution. A History of the Sojourner Truth Organization 1969-1986

Posted by entdinglichung - 2. November 2012

Dass die Geschichte einer linksradikalen Organisation zu schreiben weder in einer vielleicht politisch engagierten aber drögen Aufzählung von Parteitagen, politischen Postionen und und organisatorischer Schritten, noch in der exorzistisch anmutenden Verdammung eines (teilweise eigenen) Irrweges à la Koenen, Aly oder Hinck enden muss ist leider keine Selbstverständlichkeit. Umso mehr muss daher in diesem Zusammenhang lobend auf Michael Staudenmaiers vor einigen Monaten publizierte Studie Truth and Revolution. A History of the Sojourner Truth Organization 1969-1986 hingewiesen werden, wo es dem Autor gelungen ist, auf eine lebendige Weise (basierend u.a. auf Interviews mit 35 ehemaligen Mitgliedern) sowohl eine Organisations- wie auch eine Sozial- und Kulturgeschichte der STO zu schreiben. Die Sojourner Truth Organization (STO) zählte nicht gerade zu den zahlenmässig starken Organisationen der radikalen Linken in den USA und spielte im regionalen Rahmen vielleicht nur in Chicago innerhalb der Linken eine wichtige Rolle, dennoch hinterliess sie vielleicht auf Grund ihrer inhaltlichen Strahlkraft letztendlich weitaus mehr (in aller Regel positiv zu bewertende) Spuren (und offenbar keine RenegatInnen) als beispielsweise CP(ML), LRS oder andere Organisationen des New Communist Movements. Zu letzterem kann die STO allerdings nur sehr eingeschränkt gezählt werden, da in ihr ML-Theoreme nur eine geringe und im Laufe der Zeit immer geringere Rolle spielten; hingegen Ansätze von v.a. Antonio Gramsci, CLR James und W.E.B. Du Bois wie auch die Rezeption operaistischer Ideen hingegen neben einer undogmatischen Marx- und Lenin-Lektüre die Theorieproduktion der Gruppe prägten.

Allerdings wird in Staudenmeiers Ausführungen auch deutlich, dass die „bessere Theorie“ nicht unbedingt zu einer erfolgreichen Praxis und zu einer Konsolidierung der Organisation führen muss: innerorganisatorische Reibereien, informelle Hierarchien und ein permanentes Kommen und Gehen von Mitgliedern prägten in jeder Phase (Staudenmeier spricht von einer Fokussierung auf Betriebsarbeit in den frühen 1970ern, auf internationalistische Solidaritätsarbeit in den späten 1970ern und von einer Mitarbeit in neuen sozialen Bewegungen in den 1980ern) die Geschichte der STO. Zu den wichtigsten theoretischen Errungenschaften der STO zählte der Ansatz des white skin privilege, nach dem leitenden STO-Mitglied Noel Ignatin ist darunter folgendes zu verstehen:

„Briefly stated, this perspective was as follows: in modern industrial societies, bourgeois rule depends on the development of a variety of „systems“ that channel the outbreaks of the exploited class and allow their absorption by capital; that the specifically American framework for this process is the white-skin privilege system — the conferring of a favored status on the white sector of the proletariat; and that the trade unions cannot be understood apart from this framework.“

Gerade vor den derzeit ablaufenden Diskussionen um Critical Whiteness in einigen Sektoren der BRD-Linken ist es durchaus sinnvoll, sich mit dem „Ursprungskonzept“ von Ignatin, Ted Allen (der nie Mitglied der STO war) und anderen auseinanderzusetzen, es ging der STO nie um intellektuelle Läuterungs- und Reinigungsprozesse und die Aneignung neuer Sprachcodes sondern um eine Praxis, welche die rassistischen Spaltungen der ArbeiterInnenklasse in kollektiven Aktionen überwindet. Weitere wichtige Elemente der Programmatik und Politik der STO waren ein an Gramsci angelehntes Konzept eines (ver)doppelten Bewusstseins (dual consciousness), welches die Widersprüchlichkeit proletarischen Klassenbewusstseins in einer hegemonial von kapitalistischer Dominanz geprägten Gesellschaft zu erklären versuchte, sowie ein Insistieren auf die Autonomie kämpfender Subjekte (auch von der eigenen Organisation), was vielleicht dazu führte, dass die STO nicht so stark wuchs, wie andere Organisationen da mensch auf die Rekrutierung neuer Mitglieder vielleicht zu wenig Wert legte, andererseits aber auch kaum Porzellan im Verhältnis zu anderen Gruppen der Linken zerschlug.

Die Erfahrungen aus der Geschichte der STO stellen, wie Staudenmeier anmerkt, zwar kein Patentrezept für heutige Revolutionäre dar, eine kritische Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen, Erfolgen wie auch Misserfolgen der Organisation kann jedoch nie falsch sein, daher ist zu hoffen, das Staudenmeiers Buch eine weite Verbreitung findet.

Materialien der STO kann mensch im Sojourner Truth Organization Digital Archive finden, weitere Stimmen zu Truth and Revolution auf den Webseiten der Insurgent Notes und von Solidarity, eine Autorenlesung mit anschliessender Diskussion hier: Teil 1 und Teil 2

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: